Sascha Hawemann bringt Falladas Roman „Wolf unter Wölfen“ in Hannover auf die Bühne

Es war nicht alles schlecht

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Das Ensemble liefert sich dem diffusen Treiben bewundernswert offen aus.

Hannover - Von Jörg Worat. Jeder kämpft für sich. Moral spielt kaum noch eine Rolle. Und kein Mensch weiß, wo’s politisch lang geht. Klingt irgendwie vertraut? Nun, die Geschichte spielt 1923, Hans Fallada hat sie 1937 unter dem Titel „Wolf unter Wölfen“ geschrieben und Regisseur Sascha Hawemann jetzt eine Theaterfassung des Romans zur Premiere gebracht. Warum? Das wurde bei der Premiere im Schauspielhaus Hannover am Samstag leider nicht recht deutlich. - Von Jörg Worat.

Es gibt eine Art Hauptfigur in Gestalt des Spielers Wolfgang Pagel, ungünstigerweise gerade dann völlig abgebrannt, als die Hochzeit mit Freundin Petra ins Haus steht. Der alte Kriegskamerad Joachim von Prackwitz holt ihn als Verwalter auf sein Gut, wo sich alsbald erweist, dass die Verhältnisse auf dem Lande mindestens ebenso verkommen sind wie in Berlin. Eine Vielzahl von Handlungssträngen windet sich um diese Grundstory, und obwohl in der hannoverschen Version Falladas Personal eingedampft ist, dauert die Vorstellung über dreieinhalb Stunden. Mehr als deren zwei vergehen allein bis zur Pause, die von nicht wenigen Premierenbesuchern zur Flucht genutzt wurde.

Insofern verständlich, als die Inszenierung zwar weder eine Zumutung ist, noch unter Ideenmangel leidet, aber auffallend unentschieden daherkommt. Sie wirkt so, als habe jemand blindlings in den Sack mit theatralen Möglichkeiten gegriffen und umgesetzt, was gerade auf dem jeweiligen Zettel stand – zwingend erscheint das Geschehen jedenfalls nur punktuell.

Videos werden ja zurzeit immer gern genommen, sie tragen hier allerdings wenig zur Atmosphäre bei und wirken oft nachgerade statisch. Mal Erzählung, mal Spiel: die Abfolge scheint relativ beliebig.

Auch chorisches Sprechen kann eine feine Sache sein. Hier wurde mit Marcus Crome sogar eine Fachkraft für die Einstudierung geholt – trotzdem klingen die entsprechenden Passagen unsauber und büßen so einen Gutteil des Effekts ein.

Mit Wasser spritzen und im Dreck wühlen? Kann man machen, muss man aber nicht, zumal beim Betrachter diesbezüglich die Gefahr einer gewissen Abstumpfung besteht. Klamauk bis hin zum Slapstick? Kein No-Go, nur sollte schon klar werden, weshalb wann welcher Zugriff gewählt wird. Öfter mal Pistolenschüsse? Gut, sie wecken den dahindämmernden Zuschauer, gleichwohl scheint mindestens der Auftritt des ballerwütigen Barons von Bergen, der sein wirres Tun mit amtlich beglaubigter Geisteskrankheit legitimiert, durchaus entbehrlich.

Wohlgemerkt, es ist nicht alles daneben, schon gar nicht das Ensemble, das sich dem diffusen Treiben mit bewundernswerter Offenheit ausliefert. Und wo die Akteure dürfen, gelingen höchst eindringliche Momente, etwa in der Verzweiflung, die Carolin Haupt der Violet von Prackwitz angedeihen lässt, einem naiven Teenie, zwangsläufig zum Scheitern verurteilt inmitten dieser Bande von bekloppten Egoisten.

Auch die beiden Pagels – Hagen Oechel und Günther Harder teilen sich, aus nicht ganz ersichtlichen Gründen, die Rolle – haben ihre starken Szenen. Und wenn Sarah Franke die Vermieterin Frau Thumann zur Karikatur einer Karikatur erhebt, ist das zwar sinnfrei, aber sehr komisch.

Fazit: viel Aufwand, wenig Ertrag. Freundlicher Schlussapplaus. Und das ist bei einem hannoverschen Premierenpublikum ein ganz schlechtes Zeichen.

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