Zum Greifen nahe, aber nicht zu fassen: Shannon Bool in der Bremer Gesellschaft für Aktuelle Kunst

Am Sarg keine Sektlaune

Wer näher hinschaut, sieht hindurch: Shannon Bools Seidengemälde „Alter Ego“.

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Angeblich ist das Essen und Trinken erlaubt. Essen von den rotbackigen Äpfeln, die wohlgeordnet die Glasklappe der geöffneten Truhe bedecken. Trinken vom Sekt, der im silbernen Flaschenkühler bereit steht. Essen und trinken, weil es sich dann „leichter über Kunst reden“ lasse, wie die Gesellschaft für Aktuelle Kunst (GAK) mitteilt.

Warum also sind die Äpfel noch vollzählig? Warum der Sekt (Marke „Ratskeller“) geschlossen? Wahrscheinlich, weil der lila Samtbezug dieser Truhe mehr einen Sargcharakter verleiht als das Ambiente einer Gaststätte. Vielleicht auch, weil den denkbar unhandlich gestalteten Sektgläsern keine Bedienungsanleitung beiliegt. Und weil all das ein angeblich zwangloses Imbiss-Angebot eben doch wieder als Kunstwerk kennzeichnet. Also: nicht berühren!

Wie die Installation „Bar Faselliese“, so liegt bei Shannon Bool vieles zum Greifen nahe, ohne dass es sich tatsächlich fassen ließe. Etwa das zweite Ich einer unbekannten Schönen. In ihrer Vermischung von Frontaldarstellung und Profilperspektive verweist die Silhouette vor rötlich braunem Hintergrund formal aufs antike Ägypten. In der flachen Hand: die andere Identität, das „Alter Ego“. Doch wie nahe man diesem Wesen auch kommt, es will sich einfach nicht zu erkennen geben. Denn wo sich eben noch bei distanzierter Betrachtung eine Form abzeichnete, erweist sich jetzt der Stoff als durchsichtig. Statt Erkenntnis ein ernüchternder Blick auf das Gestell des Bilderrahmens – Bool hat auf Seide gemalt. Das zweite Ich also verzieht sich in die rätselhaften Weiten der orientalischen Mystik, und es scheint, als liege gerade in dieser Irritation ihr Reiz für die neuzeitliche Mode begründet. Denn darum geht es bei Shannon Bool: um die kulturübergreifende Vermittlung von Zeichen, um ihren Bedeutungswandel in der alltäglichen Wahrnehmung.

Eine kleine Treppe führt zur Wand, laut Titel aber zum „Pub“. Auf ihr macht sich ein Teppichläufer orientalischen Stils breit: verfremdete Blüten, umrankt von Ornamentik, wie man sie aus der islamischen Kunst kennt. Das Ganze grober strukturiert, vereinfacht für Dekorationszwecke im Kneipenmilieu. Frappierend erscheint dabei die offenkundige Bedeutungsverschiebung. War doch die Motivwahl einst das Ergebnis einer religiös bedingten Einschränkung: des Verbots von Abbildungen lebender Wesen. Was im Islam einst der Kunst einen Ausweg ermöglichte, dient nun der Reduktion auf bloße Zierade.

Bool setzt Epochen in Beziehungen zueinander, ohne damit Antworten zu liefern. Worin ein Zeichen seine originale Bedeutung trägt und was an ihm eine später erfolgte Neubestimmung ist, lässt sich allenfalls erahnen. Der Versuch, Bools Werken eine allgemeingültige These abzuringen, scheitert allein schon an der immer wieder aufs Neue überraschenden Vielfalt der künstlerischen Mittel. Die lange ersehnte Welterkenntnis bleibt somit wieder mal aus. Auf orientalische Ornamentik in der Auslegeware von Bars und Kneipen wird man in Zukunft aber mit anderen Augen blicken.

Bis 30. Januar in der Galerie für Aktuelle Kunst. Öffnungszeiten: Di.-So. 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr.

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