Jeannette Luft und Ella Winkelmann erkunden ein „Verschwundenes Land“

Mit Sang und Klang zum Untergang

Mal privat, mal monströs sind die Geschichten, die Jeannette Luft in „Verschwundenes Land“ über die DDR erzählt. Foto: Iris Wolf

Bremen - Von Henning Bleyl. 28 Liter. 28 Liter Schnaps pro Jahr und Kopf, Kinder eingerechnet: Die DDR war Alkohol-Weltmeister. Was sie für ihre Bewohner sonst noch alles war – Heimat, Alltag und harte Diktatur – erfährt man so sinnlich wie reflektiert in der Revue „Verschwundenes Land“ im Bremer Theaterkontor in der Schildstraße. Am Mauerfall-Wochenende hatte die Produktion des Figurentheaters „Mensch, Puppe!“ ihre Premiere.

Nicht nur wegen des historischen Jubiläums handelt es sich um einen Ausnahme-Abend. Jeanette Luft, die Figurenspielerin, lässt ihre Puppen allesamt im Schrank und verlässt sich stattdessen ganz auf biografische Erfahrungen – ihre eigenen und die ihrer Ex-Mitbürgerin Ella Winkelmann.

Aus der Perspektive einer Kindheit in Zwickau und einer Weimarer Jugend singen sich die beiden durch die Stationen ihrer DDR-Geschichte. Angefangen von der berühmten Sandmann-Melodie auf DDR 1, deren harmlose Friedlichkeit sogleich mit dem Lied „Wenn ich groß bin, gehe ich zur Volksarmee“ konterkariert wird: „Ich fahre einen Panzer, rattata, rattata“. Sie berichten von ihren staatlich zugewiesenen Brieffreundinnen in der UdSSR, kombinieren das mit dem dazugehörigen Russischlernlied des DDR-Lehrplans und lassen Systemunterschiede deutlich werden, wenn sie den damals populären Kindersong „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht“ auf die Bühne bringen.

Das Konzept der Revue, private und monströse DDR-Geschichte(n) anhand von Liedern sowohl staatstragender als auch oppositioneller Natur zu erzählen, funktioniert hervorragend, zumal es reichlich Raum für Zwischentöne und Erzählebenen lässt. Luft und Winkelmann haben ihre Kinderbücher und Schulbeurteilungen mitgebracht, die Zitate daraus sind ebenso relevante Zeitbilder wie die berühmten Ulbricht-Worte über Bauabsichten oder das so unprofessionelle wie welthistorisch wichtige Gestotter von Günter Schabowski auf der Pressekonferenz vom 9. November 1989.

An einem solchen Abend darf auch „Auferstanden aus Ruinen“ nicht fehlen, die DDR-Hymne von Hanns Eisler nach den Worten von Johannes R. Becher. Letztere wurden im Lauf der DDR-Geschichte immer sparsamer eingesetzt, bis die Hymne ab 1972 nur noch rein instrumental erklang. Das „einig Vaterland“ des Becher-Textes entsprach nicht mehr der Staatsdoktrin der DDR – da hatte man als DDR-Schulkind die zahlreichen Strophen leider umsonst auswendig gelernt.

Es ist bemerkenswert, wie sicher Jeannette Luft die Tonlagen so verschiedener Genres wie dem Sandmann-Sound oder Nina Hagens schmolliger Punk-Polka „Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael“ trifft, die inoffizielle Hiddensee-Hymne der DDR. Die war übrigens keineswegs Underground, sondern Mitte der 70er-Jahre auf den vorderen Plätzen der „DDR-Jahreshitparade“ vertreten. Unter Oppositions-Verdacht stand da schon eher „Wer die Rose ehrt“ der DDR-Rocker von der Klaus Renft Combo – die zwar auch im staatlichen Rundfunk gespielt wurden, sich aber 1975 auflösen mussten. Hier hat Ella Winkelmann einen intensiven Moment, die auch als Pianistin beeindruckt: Frucht ihrer strengen klassischen DDR-Ausbildung, die mit fünf Jahren begann – und abrupt nach Winkelmanns Weigerung endete, Kommilitonen gegenüber der Stasi zu belasten. Doch die eigentliche Stärke des Abends besteht in der Authentizität der individuellen Erinnerung. Die bewirkt keineswegs Beliebigkeit – denn das strukturelle Korsett eines Lebens in der DDR, gespiegelt in der Mischung „aus Liedern, die wir mochten, und Liedern, die wir mögen sollten“, wie Luft sagt, erzwang ja mehr Gemeinsamkeit, als im Westen vorhanden war. Manche sagen im Rückblick sogar: ermöglichte mehr Gemeinsamkeit. Ostalgie ist jedoch keineswegs ein Charakteristikum des Abends, da sind schon die eingestreuten statistischen Daten vor – eben nicht nur in Bezug auf Schnaps, sondern auch in Hinblick auf Häftlingszahlen, Misshandlungsfälle bis hin zu Mauertoten.

Bleibt noch die Frage, ob die DDR tatsächlich ein „verschwundenes Land“ ist, wie der Titel des Abends behauptet. Ihre Konturen zeigen sich schließlich zuverlässig immer dann, wenn sozioökonomische und identitäre Ungleichheiten in Kartenform visualisiert werden, seien es Kinderarmut, niedrige Löhne, Vermögensverteilung oder Wahlerfolge der AfD. Verschwunden ist in jedem Fall der (Zwangs-)Rahmen überschaubarer Lebensverhältnisse, in dem gleichwohl deutlich mehr alltägliche Vielfalt und biografische Verwirklichung möglich war, als per Westblick im Allgemeinen wahrgenommen wird. Hier zuzuhören, ist nicht nur für Schulklassen eine wichtige Gelegenheit. Im Theaterkontor besteht sie leider erst wieder ab Februar, dann aber mit diversen Überraschungsgästen.

Sehen

Alle Termine im Internet: www.menschpuppe.de

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