Harry Rowohlt übersetzt Robert Crumb

Sanft entrückte Welten

Kreiszeitung Syke
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Syke - Von Jörg WoratWer in jüngerer Zeit deutschsprachige Bücher von Robert Crumb kaufen wollte, kam um die Kontaktaufnahme mit Antiquariaten kaum herum.

Neu zu erwerben waren nur noch Ausgaben der „Genesis“, die der US-amerikanische, seit 1993 in Südfrankreich lebende Altmeister der Underground-Comix illustriert hat, und die pralle 6-Band-Ausgabe der „Sketchbooks“, komplett mit signiertem Druck und unter dem Stich eher kurios – ein derartiger Luxusartikel scheint nicht recht zu dem Zeichner zu passen, der einst seinen Anti-Helden Fritz the Cat, neben Mr. Natural wohl die bekannteste Figur aus dem Crumb-Universum, in einer Geschichte sterben ließ, um ihn weiterer kommerzieller Verwertbarkeit zu entziehen.

Nun ist der Reprodukt-Verlag angetreten, die Lücke zu füllen. Zwei Bände einer neuen Reihe sind bereits erschienen, bibliophil aufgemacht als Hardcover mit Leinenrücken und in bewährter Manier übersetzt von Harry Rowohlt. Geplant ist erklärtermaßen keine Gesamtausgabe, vielmehr widmet sich jede Publikation einem speziellen Thema und fasst dieses offenbar recht weit.

In „Nausea“ etwa dreht sich alles um Literatur unterschiedlichster Art. Die meisten Geschichten stammen aus den achtziger Jahren und thematisieren Krafft-Ebings „Psychopathia sexualis“ ebenso wie die deutlich mehr als nur sanft entrückten Welten des Science-Fiction-Autors Philip K. Dick oder, in der Titelstory, Sartres „Ekel“ – interessantes, aber auch bekanntes Material. Die einzige neue Langgeschichte heißt „Böses Karma“, ist 1999 entstanden, und obwohl Apollo und Cassandra darin auftreten, kann man nicht wirklich von einer Umsetzung klassischen Sagenguts sprechen: Es geht um eines der typischen Crumbschen Mickermännchen, das nach einem paranoid-halluzinatorischen Einstieg auf eine göttinnengleiche Wuchtbrumme trifft, woraufhin sich die Begegnung, um es zurückhaltend auszudrücken, sexuell explizit zuspitzt. Die Dame entspricht in ihren Maßen den oftmals beschworenen Vorlieben des Zeichners, soll heißen, sie hat einen gewaltigen Unterbau.

Somit wären wir beim Thema von Band 2, betitelt „Mein Ärger mit den Frauen“. Diese Sammlung kürzerer Episoden, darunter einige deutsche Erstveröffentlichungen, ist eine autobiographische Tour de Force, die besonders deutlich nachvollziehbar macht, weshalb Crumb extrem polarisiert, sowohl beinharte Fans als auch erbitterte Gegner hat. Denn radikaler kann man sein Innenleben kaum nach außen stülpen, ohne Rücksicht auf Verluste: dass sich der Künstler einst seine eigenen Masturbationsvorlagen gezeichnet hat, gehört fast noch zu den harmloseren Schilderungen.

Kaum jemanden behandelt Crumb in seiner Rückschau ungnädiger als sich selbst. Da entsteht das Bild eines völlig verkorksten, ängstlichen und schuldbeladenen Jungen mit sonderbaren Sexfantasien, der diese in seligen Hippietagen eigentlich nur deswegen ausleben konnte, weil er mit seinen durchgeknallten Comix in der Szene populär geworden war und als Kultstar galt. Man mag diese Selbstbespiegelung penetrant nennen und die Darstellung der Frauenwelt misogyn, dreierlei Qualitäten kann man Crumb, der Ende August 70 Jahre alt wird, indes nicht absprechen. Er ist ehrlich. Er ist konsequent, bis dahin, dass die Geschichte über seine Midlife-Crisis so langweilig wird wie eine Midlife-Crisis eben sein kann. Und er ist ein verdammt guter Zeichner: Die Schraffuren und Schattenwirkungen auf seinen durchweg in schwarzweiß gehaltenen Bildern, die Mimik seiner Figuren – doch, das ist Kunst.

Robert Crumb: „Nausea“; „Mein Ärger mit den Frauen“, Reprodukt Verlag, jeweils 29 Euro.

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