Ein Samstagabend als Geschworene: „Terror“ in Oldenburg

Moral schlägt Gesetz

Moralische Debatte im Staatstheater: Luftwaffenmajor Lars Koch (Yassin Trabelsi) hat einen entführten Airbus abgeschossen.
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Moralische Debatte im Staatstheater: Luftwaffenmajor Lars Koch (Yassin Trabelsi) hat einen entführten Airbus abgeschossen.

Oldenburg - Von Mareike Bannasch. Mit dem 11. September fing alles an. Obwohl, eigentlich ging an diesem strahlend schönen New-Yorker-Herbsttag alles zu Ende. Zumindest unsere Illusion von einem Leben in Frieden und Freiheit. Kriege, Bomben, Terroranschläge: All das fand zuvor woanders statt – bis Terroristen vier Passagierflugzeuge entführten und sie in tödliche Waffen verwandelten.

Ausgehend von dieser Zäsur in der Geschichte konstruierte der praktizierende Strafverteidiger und Autor Ferdinand von Schirach sein Bühnenstück „Terror“. Eine partizipative Lehrstunde über das Spannungsverhältnis zwischen Moral und Recht, die zu Recht zum Renner der Theatersaison geworden ist. Auch in Oldenburg entscheiden die Zuschauer seit Samstag als Bürger mit richterlicher Macht über das Schicksal des Angeklagten.

Es ist keine leichte Aufgabe, die die Laienrichter im Staatstheater zu bewältigen haben. Vor Gericht steht der Luftwaffenmajor Lars Koch. Er hat 164 Menschen getötet, das gibt er auch offen zu. Also alles klar, Schuldspruch und ab nach Hause? Nein, so einfach ist es nicht. Die Opfer waren allesamt an Bord eines entführten Airbus A 320 der Lufthansa, der Kurs auf die ausverkaufte Allianz-Arena genommen hatte. Ein Angriff auf 70000 Fußballfans – und dennoch ist ein Abschießen der Maschine verboten, sagt jedenfalls ein Urteil des Bundesgerichtshofs von 2005. Das weiß auch Lars Koch – trotzdem drückt er ab. Und stürzt die Geschworenen in ein vielschichtiges Dilemma, das vor allem um eine Frage kreist: Dürfen wir für die Moral unsere Prinzipien, unsere Verfassung außer Acht lassen? Für Koch ist die Sache klar: Er musste das kleinere Übel wählen, also wenige Menschen töten, um viele zu retten. Das ist hart, aber lässt sich nicht ändern, zumal die Passagiere ja indirekt schon ihr Einverständnis zum Abschuss gegeben haben. Wer heute in ein Flugzeug steige, müsse schließlich jederzeit damit rechnen, zum Teil einer Waffe zu werden, sagt der Major. Und tödliche Gefahren ausschalten, dass kann der Kampfpilot dank jahrelangem Training.

Peter Hailer verlegt seine ebenso eindrückliche wie gelungene Inszenierung in einen modernen Gerichtssaal, der mehr wie ein kühles Fernsehstudio anmutet. Vor Andeutungen von Glas, Beton und Stahl (Bühne: Dirk Becker) ist der Blick frei auf den Angeklagten, der zentral in der Mitte sitzt. Der Richter, im realen Leben die zentrale Figur, wird zu einem kleinen Rädchen am Rand des Geschehens. Seiner zentralen Aufgabe, der Rechtsprechung beraubt, hat er genau zwei Aufgaben: die Verhandlung zu moderieren und den Geschworenen dabei zu helfen, ein Urteil zu treffen. Im Staatstheater gibt es keine „Vierte Wand“, keine imaginierte Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum. Um einer allzu konstruierten Situation zu entfliehen, agieren die Schauspieler direkt mit dem Publikum – und schaffen so relativ schnell eine Gerichtssaal-Atmosphäre, die beeindruckend realistisch ist.

Doch zurück zum Angeklagten, Yassin Trabelsi legt diesen als einen in sich ruhenden jungen Mann an. Unaufgeregt stellt er sich mit glatt gebügelter Uniform (Kostüme: Britta Leonhardt) den Vorwürfen der Staatsanwältin. Auf der Anklagebank sitzt keiner, der mit seiner Entscheidung hadert. Koch lebt dafür, Land und Bürger zu schützen, und wirkt dabei bemerkenswert überzeugend. Die Geschworenen haben es offenbar mit einem Mann zu tun, der getan hat, was getan werden musste – während sich seine Vorgesetzten hinter dem Gesetz versteckten, und keinerlei Anstalten machten, das Stadion zu evakuieren. Zeit genug wäre gewesen, aber offenbar ist der komplette Krisenstab davon ausgegangen, dass Koch den Auslöser drücken würde, stillschweigende Billigung inklusive. Der Luftwaffenmajor ist nicht viel mehr als eine Marionette, die im Spiel um die Sicherheit der Republik den Kopf hinhalten soll.

Nichtsdestotrotz hat er Menschen umgebracht, und das muss gesühnt werden. Sagt jedenfalls die Staatsanwältin Nelson, die an diesem Abend die Seite des Rechts vertritt. Ohne rechten Biss bemüht Franziska Werner auf der Suche nach guten Argumenten das Grundgesetz, genauer gesagt die Würde des Menschen. Natürlich drängt sich die Frage auf, ob jeder Einzelne für die Sicherheitspolitik zum Objekt werden darf, obwohl er dadurch seine Würde verliert. Die Würde des Menschen: Sie wird offenbar immer dann bemüht, wenn einem sonst nichts einfällt.

Nachvollziehbarer argumentiert da Kochs Verteidiger Biegler. Leander Lichti agiert als arroganter, seltsam empathieloser Karrierist, dem man aber eins lassen muss: Als es darum geht, seinen Mandanten im Plädoyer rauszuhauen, liefert der geleckte Anzugträger ab. Vehement weist er auf die unzureichende Rechtsprechung hin und beschwört eine dunkle Zukunft herauf. Wer einen Abschuss verurteilt, stellt den Terroristen umgehend einen Freibrief in Sachen Flugzeugentführung aus. So gesehen ist es geradezu moralische Pflicht, eine solche Situation gewaltsam zu beenden.

Eine These, die vor allen auf das Gefühl zielt und jedenfalls bei mir zieht. Aber auch die Mehrheit im Oldenburger Publikum votiert für einen Freispruch. Bei voller Saalbeleuchtung, Peter Hailer gestattet niemandem die Anonymität der Dunkelheit, sind es am Ende 229 Geschworene, die auf schuldig plädieren. Ihnen gegenüber stehen 279 Laienrichter, die den Luftwaffenmajor von seiner rechtlichen Schuld entbinden. Damit liegt Oldenburg übrigens im Trend, bundesweit haben sich 58,9 Prozent ebenso entschieden.

Weitere Vorstellungen: 26. Februar um 19.30 Uhr, 6. März um 18 Uhr sowie 7. März um 19 Uhr.

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