Samir Akikas „Close Your Eyes“ am Theater Bremen

Die Traumtänzer

Träume sind nicht immer gemütlich: Szene aus „Close Your Eyes“ am Theater Bremen. ·
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Träume sind nicht immer gemütlich: Szene aus „Close Your Eyes“ am Theater Bremen. ·

Bremen - Von Andreas Schnell. Doch, da ist vieles, was an frühere Arbeiten von Samir Akika erinnert: Die bisweilen wie mit dem Mikroskop vergrößerten Geräusche – ganz wie im Film.

Zum Beispiel das Flattern eines unsichtbaren Vogels, das Plätschern einer Flüssigkeit, das Schlürfen. Oder auch: immer wieder slapstickhafte Szenen und hinreißende Miniaturen.

Andererseits scheint sich Akika dem Tanztheater im engeren Sinne immer mehr anzunähern. Gesprochen wird in „Close Your Eyes“, seiner neuen Choreographie, die am Donnerstag im Kleinen Haus am Goetheplatz Premiere feierte, so gut wie gar nicht mehr. Der Fokus liegt auf Tanz. Wobei das Ensemble dieses Mal nur aus sechs Tänzerinnen und Tänzern besteht, die bei aller Beiläufigkeit mit nicht geringer technischer Präzision arbeiten.

Die Hinwendung zu dieser Art Körpertheater mag nicht zuletzt auch dem Thema des eineinhalbstündigen Abends geschuldet sein, das im Programm als „Erkundung der Relevanz des Irrealen, eine Eroberung des Nutzlosen und eine getanzte Verlängerung der Träume“ umrissen wird. Und Träume sind bekanntlich nicht immer besonders gemütlich.

Dabei beginnt der Abend noch recht putzig mit einem naiven Schattenspiel auf dem großen Laken, der in der bühnenbreit von der Decke hängt (Bühne: Till Botterweck), das in naivem Ton davon erzählt, was passiert, nachdem wir eingeschlafen sind. Die uns bekannten Naturgesetze und der Logik treten außer Kraft, es gibt bizarre Riesen, die uns verschlingen, und gigantische Augen. Oder: Außerirdische kommen mit ihren ebenfalls gigantischen Raumschiffen und blenden uns mit ihren Scheinwerfern. Auf einmal senken sie sich herab, was während des Stücks noch ein paar Mal passieren wird. Oder ist das doch eher die Sonne, die uns morgens, noch ganz schlaftrunken, blendet? So ganz klar wird das nicht. Wie vieles andere. Klar ist allerdings: Hier geht es jetzt erst richtig los.

Aus einem Matratzenberg wühlen sich nach und nach sechs nachlässig gekleidete Figuren hervor, schminken sich blass und reihen sich ein in den Tanz, wie eine somnambule Pyjama-Party wirkt das zuzeiten, mit der Zeit schleichen sich allerdings dunklere Untertöne ein, Gewalt, Schmerz, aber auch Hinwendung und groteske Komik.

Die Welt des Traums wie die des Films, deren Gemeinsamkeiten hier immer auch Thema sind, hat schließlich ihre eigene Logik, ihren eigenen Rhythmus, die Übergänge folgen nicht der physikalischen Zeit. Entsprechend fließen in „Close Your Eyes“ die Bilder ineinander, schweben zwischen rätselhafter Poesie, Paranoia und Komik, erzählen nicht eine große Geschichte, sondern – wenn überhaupt – ganz viele, oft nur in Andeutungen, was sich in der Szene fortsetzt. Mal bewegt sich etwas hinter dem Vorhang, mal tritt eine rätselhafte Gestalt durch diesen hindurch nach vorn – und verschwindet ebenso rätselhaft wieder.

Die beiden Musiker jayrope und Stefan Kirchhoff, an den Seiten der Bühne aufgestellt, unterlegen das mit mächtigen Drones, Ambient-Flächen, krachendem Freiform-Lärm und Post-Rock-Spielweisen, die den Szenen große atmosphärische Dichte verleihen.

Ein bilderstarker Tanzabend, der in seiner Assoziation angedeuteter filmischer Motivik und traumartigen Sequenzen gewissermaßen gerade in der Andeutung präzise ist. Paradox, wie es Träume – und Filme – bisweilen sind.

Kommende Vorstellungen: morgen um 20 Uhr, am 30. März sowie am 6. und 27. April jeweils um 18.30 Uhr am Theater Bremen, Kleines Haus.

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