Susan Philipsz bringt ihre Klangkunst in Hannover überzeugend zu Gehör

Das Salz der Tränen

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Die „Organ Pipes“ klingen nicht nur, sondern entfalten auch eine skulpturale Wirkung.

Hannover - Von Jörg Worat. Man kann Ausstellungsräume mit vielerlei füllen. Mit Gemälden, mit Druckgraphik, mit Skulpturen. Oder mit Klängen, und das letztgenannte Medium dominiert die Ausstellung „Returning“ der Schottin Susan Philipsz im Kunstverein Hannover.

Alles, was hier mit Sound zu tun hat, ist direkt für die Schau konzipiert worden. Philipsz, die seit 15 Jahren in Berlin lebt und 2010 den äußerst prestigeträchtigen Turner-Preis gewonnen hat, stieß bei ihren Recherchen vor Ort auf mannigfache Gegebenheiten, die ihr besonderes Interesse weckten.

Etwa auf eine historische Synagogenorgel in der hannoverschen Villa Seligmann, deren Klänge sie für eine 6-Kanal-Installation einsetzte. Die minimalistische Wirkung der auf Einzeltöne reduzierten Komposition erfährt dadurch Verstärkung, dass sich die Lautsprecher gerade im riesigen Langsaal des Kunstvereins befinden. Das meditative Moment wird immer wieder gebrochen, weil Philipsz, stets fasziniert von der physischen Seite der Klangerzeugung, Blasebälge eingesetzt hat – das Knarzen und andere Nebengeräusche sind unüberhörbar.

Nicht zuletzt schwingt dabei das Motiv des Vergangenen, Zerstörten mit, ebenso in einer Serie über im Krieg beschädigte Musikinstrumente. Für den neuesten Beitrag wurde die Künstlerin in einer Sammlung der Universität Hildesheim fündig, wo sie ein Schofar-Horn entdeckte, einst von einer jüdischen Familie vor der Flucht unter einem Kohlenhaufen versteckt. Ein Foto zeigt das arg zusammengepresste Instrument, dem ein fachkundiger Musiker gleichwohl noch Töne zu entlocken vermochte – die erschallen durchdringend aus einem Megaphon.

Vergangen könnte nach jetzigem Stand der Dinge demnächst leider auch die traditionsreiche Tonträger-Produktion in Hannover sein. Susan Philipsz hat zu ihrer Überraschung erfahren, dass der Siegeszug von Emil Berliners Erfindung, der Schallplatte, hier seinen Anfang nahm. Das inspirierte sie zu einer Plattenspieler-Installation, die auf John Dowlands Komposition „Lachrimae or Seven Tears“ von 1604 beruht. Auch hier sehr reduzierte Klänge, auch hier ein sehr reduziertes visuelles Setting, angereichert nur durch eine Wandarbeit, deren abstrakte Muster durch die Einwirkung von Salz entstanden sind, Salz, wie es sich eben auch in Tränen findet.

Wenn es hier auch eine ganze Menge für und auf die Ohren gibt, hat die Schau doch auch eine visuelle Seite. Die glücklichste Kombination von beidem findet sich bei den „Organ Pipes“, die in Kleingruppen ausliegen, jeweils einen Klangerzeuger in der entsprechenden Tonlage bergen und durchaus so etwas wie eine skulpturale Wirkung entfalten.

Gegen Ende des Rundgangs gibt es das Foto-Diptychon „Separated Strings“.Auch diese Arbeiten behandeln den Motivkreis des Vergangenen und Vergänglichen, fallen also keinesfalls aus dem Rahmen. Doch in Sachen Tiefenwirkung können sie mit dem akustischen Part der Präsentation eher nicht mithalten – das Metier der Susan Philipsz scheint recht eindeutig die Klangkunst zu sein.

Ausstellung im Kunstverein Hannover bis zum 26. Februar.

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