Igor Strawinskys Ballettmusik sorgte bei der Uraufführung für einen Skandal: Eine CD-Box vereint nun historische Einspielungen

„Sacre“ in zehn Variationen: Sammlung zum Hundertjährigen

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Syke - Von Jörg Worat29. Mai 1913: Im Pariser Théâtre des Champs-Élysées ist die Hölle los. Besucher lachen, schimpfen, ahmen Tierlaute nach. Einige schlagen aufeinander ein, es kommt zu Duellforderungen.

Der Choreograph hat sich auf die Seitenbühne geflüchtet und ruft den Tänzern Anweisungen zu, weil die Musik auf der Bühne nicht mehr zu hören ist. Er will die Aufführung abbrechen, wird jedoch vom Komponisten daran gehindert, der ebenfalls längst seinen Sitzplatz verlassen hat. Alleine der Dirigent lässt sich von den Tumulten nicht beeindrucken und führt das Stück ungerührt zu Ende.

Soweit die Schilderungen zur Uraufführung von Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“. Inwieweit sie im Detail übertrieben sein mögen, wird sich heute kaum noch klären lassen, fest steht indes, dass es damals einen ebenso handfesten wie werbewirksamen Skandal gegeben hat, und fest steht ferner, dass dergleichen heutzutage undenkbar ist: Das „Frühlingsopfer“ gehört zum Standard, wenngleich eher im Konzert- als im Ballettsaal. Die seinerzeit unerhörten harmonischen und rhythmischen Eigenwilligkeiten provozieren schon lange keine Handgemenge mehr, und wie etabliert das Werk inzwischen ist, kann man an der gewaltigen Veröffentlichungs-Offensive zu seinem 100. Geburtstag sehen.

Die Firmen publizieren, was der eigene Katalog hergibt. So hat Sony eine äußerst preisgünstige 10-CD-Box herausgebracht, die auf jedem Silberling eine „Sacre“-Version in der Replik des Originalcovers enthält, im Einzelfall mit einer Dreingabe – so gibt es auf der CD von Esa-Pekka Salonen und dem Philharmonia Orchestra auch die „Symphonie in 3 Sätzen“. Decca kontert mit einem ebenfalls erschwinglichen Viererpack; hier verteilen sich sechs Fassungen auf drei Scheiben, während die vierte mit einer Einführung in das epochale Werk bestückt ist. Beide Boxen zusammengenommen, bekommt man Aufnahmen von 1929 bis 2006 geboten, und viele davon haben Furore gemacht: Zahlreiche Fans schwören Stein und Bein auf eine bestimmte Aufnahme, wobei die Begründungen jeweils kaum unterschiedlicher sein könnten.

Sony bietet zwei von drei Einspielungen, die Strawinsky selbst dirigiert hat: die 1940er mit der New York Philharmonic und die von 1960 mit dem Columbia Symphony Orchestra. Die Dirigierkünste des Komponisten sind nicht unumstritten, facettenreich und zugleich geschlossen wirken beide Versionen allerdings durchaus, besonders die spätere. Wer sich vor allem für die historischen Seite interessiert, bekommt in den Boxen je eine Fassung des stoischen Uraufführungsdirigenten Pierre Monteux von 1951 beziehungsweise 1956 geboten; beide kommen jedoch eher trocken bis dünn daher.

Viele Verehrer hat die 1969er Aufnahme des Cleveland Orchestra unter Pierre Boulez, der analytisch und recht unterkühlt an die Sache heranging. Griffiger und pointierter interpretierten da schon Michael Tilson-Thomas und das Francisco Symphony Orchestra im Jahre 1996, werden vielleicht aber noch getoppt von dem Kirov Orchestra St Petersburg unter Valery Gergiev – die beseelte 1999er Einspielung mit ihrer eindringlichen Perkussion ist neben der transparenten, dynamisch schön ausbalancierten Version von Antal Dorati und dem Detroit Symphony Orchestra (1981) der Höhepunkt der Decca-Box.

Sony hat schließlich auch Leonard Bernstein im Angebot, überraschenderweise die 1972er Aufnahme mit dem London Symphony Orchestra und nicht die viel berühmtere „Wow!“-Fassung mit der New York Philharmonic von 1958 – mit diesem einen Wort soll Strawinsky höchstselbst seine Würdigung zum Ausdruck gebracht haben. Tatsächlich hat er sich wohl differenzierter und durchaus nicht nur positiv zu Bernstein geäußert, was angesichts der Neuauflage der Legende, jüngst erschienen als Einzel-CD, verständlich scheint: Die Interpretation ist eher laut als wow. Wer übrigens nach alledem immer noch nicht genug vom „Sacre“ hat, mag auf den als Import erhältlichen großen Bruder der Decca-Box zurückgreifen. Sie enthält, und das ist kein Druckfehler, 32 weitere Versionen.

Igor Strawinsky: „Le sacre du printemps“, Sony 2013: 10 CDs, 19,99 Euro.

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