Vorfahren-Schau im Landesmuseum Hannover

Sachse ist, wer dafür gehalten wird

Hannover - Von Jörg Worat. „Wo fielen die römischen Schergen? Wo versank die welsche Brut? In Niedersachsens Bergen, an Niedersachsens Wut. Wer warf den röm’schen Adler nieder in den Sand? Wer hielt die Freiheit hoch im Deutschen Vaterland? Das war’n die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen, Heil Herzog Widukind Stamm.“

So behauptet es zumindest das um 1926 entstandene „Niedersachsenlied“ von Hermann Grote. Und wieviel davon hält nach aktuellem Kenntnisstand einer kritischen historischen Betrachtung stand? „Nichts“, sagt Dr. Babette Ludowici, Abteilungsleiterin Archäologie am Braunschweigischen Landesmuseum. „Bei diesem Lied ging es damals darum, eine niedersächsische Identität geschichtlich zu verwurzeln, die es so nie gegeben hat.“

Ludowici kuratiert die Ausstellung „Saxones. Das erste Jahrtausend in Niedersachsen“, die gestern Abend im hannoverschen Landesmuseum eröffnet wurde und ab September in ihrem eigenen Haus zu sehen sein wird. Und mit völlig neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen aufwartet.

Die Ausstellung zeigt rund 850 Exponate aus nationalen und internationalen Sammlungen, Ensembles archäologischer Funde ebenso wie Einzelobjekte, darunter wertvolle Grabbeigaben wie Schmuck oder Waffen, Münzen, Handschriften und königliche Urkunden.

Es klingt ja sehr romantisch, dass ein Stamm der sturmfesten und erdverwachsenen „alten Sachsen“ dereinst das Gebiet, das heute Niedersachsen und Westfalen umfasst, erobert haben soll. Nur stimmt es nicht. In römischer Zeit war „Saxones“ ein Sammelbegriff für Piraten und Seeräuber: „Die Römer wussten nicht, wer diese Plünderer waren, und es interessierte sie auch gar nicht“, erläutert Ludowici. „Es war eine Bezeichnung, wie man sie heute in Zusammenhang mit den Vandalen gebraucht – Rabauken, die plötzlich auftauchen, alles kurz und klein schlagen und dann wieder verschwinden.“

Den Ursprüngen der „Saxones“ auf die Spur zu kommen, erweist sich überhaupt als schwierig. „Tacitus“, sagt Ludowici, „der in seiner ,Germania‘ an die 40 Gebiete aufführt, erwähnt sie gar nicht.“ Noch im sechsten nachchristlichen Jahrhundert werden „Saxones“ oder „Sachsen“ keiner eindeutig definierbaren Region zugeordnet, und nach wie vor ist die Bezeichnung wohl nicht unbedingt schmeichelhaft. Auch Menschen rechts des Rheins werden so genannt. Diese Sachsen bezwingt Karl der Große, doch schon im Jahr 919 besteigt mit Heinrich I. ein sächsischer Herzog den Frankenthron, dessen Sohn Otto I. später zum römisch-deutschen Kaiser und mächtigsten Mann Europas aufsteigt. In den Schriften des Widukind von Corvey im 10. Jahrhundert finden sich die „Sachsen“ erstmals im Sinne einer Selbstbeschreibung.

Die Ausstellung besteht aus neun Abteilungen, und in jeder macht eine großformatige Darstellung des Illustrators Kelvin Wilson Zusammenhänge besonders deutlich. So ist gleich zum Auftakt ein germanischer Anführer zu sehen, der offenbar auf einen Deal anstößt: So stellt sich Wilson einen im zweiten Jahrhundert gestorbenen Mann vor, dessen Grab bei Hankenbostel im Landkreis Celle gefunden wurde. Darin befand sich unter anderem eine silberne Schnalle, die aus Rom stammen muss – und es spricht alles dafür, dass clevere Germanen lieber lukrative Geschäfte mit den Römern abschlossen statt sich mit ihnen zu prügeln.

An anderer Stelle fühlt man sich an „Game of Thrones“ erinnert. In den 30er-Jahren des sechsten Jahrhunderts endete eine Geschichte von Betrug und Verrat mit dem Tod des Thüringerkönigs Herminafried – die Franken übernahmen das Ruder. Die Ausstellung zeichnet ein bei Hemmingen-Hiddestorf in der Region Hannover gefundenes Gräberfeld nach und zeigt den Inhalt des Hauptgrabs: Der hier mit vier enthaupteten Kriegern und seinem Pferd bestattete Anführer scheint ein Anhänger des Thüringers gewesen zu sein, das belegt die Machart einer besonders wertigen Keramikschüssel. Wilsons illustriert den Leichenzug dieses Mannes in eher trister Manier, jedenfalls ohne heroisches Pathos.

Und natürlich fehlt nicht der Brückenschlag in die Gegenwart mit dem Hinweis, dass das Bundesland Niedersachsen, wie wir es heute kennen, keineswegs ein historisch gewachsenes Gebiet ist. Sondern eine Erfindung der britischen Besatzungsmacht nach dem Zweiten Weltkrieg: „Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf“, erläutert Ludowici, „hat das Niedersachsenlied vor allem deswegen immer wieder in den Vordergrund gestellt, um so etwas wie ein einheitlich-heimatliches Bewusstsein zu schaffen.“

Ein Phänomen, das durchaus über den konkreten Fall hinaus zu denken gibt. Und das die Kuratorin folgendermaßen zusammenfasst: „Saxones waren und sind immer die, die dafür gehalten werden. Identitäten sind hochdynamische soziale Konstrukte – auch im ersten Jahrtausend.“

Anschauen: Bis 18. August, Landesmuseum Hannover.

Rubriklistenbild: © pixabay

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