Aufführung in der Glocke

Hommage an den jungen europäischen Jazz: In ruhigem Fluss

Veronica Harcsa

Bremen - Von Wolfgang Denker. Ungarn und Schweden: zwei Länder, die auf den ersten Blick nicht viel verbindet, die bei der Jazznight in der Bremer Glocke aber doch zueinander gefunden haben. Dort standen am Donnerstagabend in einem Doppelkonzert das ungarische Duo Veronika Harcsa und Bálint Gyémánt sowie das schwedische Emil Brandqvist Trio auf der Bühne.

Eine Hommage an die junge Generation der europäischen Jazz-Szene, die trotz verschiedener stilistischer Ansätze vor allem durch hohe Qualität besticht. Die 1982 in Budapest geborene Sängerin Veronica Harcsa und der Gitarrist Bálint Gyémánt bestreiten den ersten Teil. Harcsa ist in Ungarn eine bekannte Jazz-Größe, wo sie bereits in verschienen Formationen aufgetreten ist und ein halbes Dutzend Alben aufgenommen hat. 

Hierzulande ist die Sängerin jedoch weniger bekannt – und dass, obwohl sie bereits seit einiger Zeit im Berliner Restaurant „Budapest Calling“ monatliche Konzerte mit wechselnden Gästen gibt.

Doch nicht nur das, mit ihren Alben „Lifelover“ und „Tell her“, beides Duo-Aufnahmen mit dem Gitarristen Bálint Gyémánt, beschreitet die Sängerin stetig neue Wege. Denn mit der Reduktion auf nur einen Partner ist auch eine Entschleunigung verbunden.

Ihre Songs entwickeln sich daher überwiegend in ruhigem Fluss, wobei ihre warme Stimme mühelos durch alle Höhen und Tiefen gleitet. Ihre Intonation ist glasklar, die Stimme verfärbt sich nie, auch dann nicht, wenn sie sich in extreme und kraftvolle Höhen emporschwingt. Im Eingangssong „Lifelover“ stehen noch virtuose Lautmalerei und Scat-Elemente im Vordergrund, aber schon bei „Wait and See“ schlägt Harcsa einen ruhigen Balladenton an. Sehr schön gelingt der kecke, mädchenhafte Ausdruck bei „Here I Am“. Als Kind hat Harcsa in einer Volkstanzgruppe mitgewirkt – aus dieser Zeit hat sie ein ungarisches Volkslied in ihr Programm übernommen, das sie mit anrührender Schlichtheit und teilweise ohne Begleitung interpretiert.

Vielfältig ist aber nicht nur das Programm, sondern auch ihr Ausdruck: Es finden sich mit Klatschen verstärkte Flamenco-Rhythmen, die auf atemberaubend jonglierte Silben und Töne treffen. In einem Song erinnert die Sängerin an die legendäre Yma Sumac – dank eines Wechsels zwischen tiefen Brusttönen und gekonnten Höhensprüngen. Auch wenn all dies überzeugt, am schönsten klingen dann doch die ruhigeren Lieder, in denen sich ihre Stimmfarben wunderbar entfalten können. So auch bei „Come Together“ von John Lennon – dem einzigen Song, der nicht aus ihrer Feder stammt.

Bálint Gyémánt an der Gitarre erweist sich zudem als idealer Begleiter. Er steuert zwar auch hochvirtuose, bis zum Exzess gesteigerte Sequenzen bei und kann sein Instrument wie eine Bassgitarre spielen, erweist sich aber vor allem als sensibler Musiker fein schattierter Klänge.

Diese zeichnen auch das Emil Brandqvist Trio aus, die den zweiten Teil des Abends bestreiten. Reduktion und Entschleunigung sind Begriffe, die auch hier angemessen sind. Es ist eher ungewöhnlich, dass nicht der Pianist sondern der Schlagzeuger Leiter eines Trios ist. Aber Brandqvist rückt nicht das Schlagzeug in den Vordergrund, sondern sieht sich als primus inter pares. Seine Kompositionen sind ausgesprochen melodiös und oft von der Natur inspiriert – „Through the forest“ heißt folgerichtig einer seiner Titel. 

Die Melodieführung liegt natürlich beim Klavier, aber Brandqvist kann mit dem Schlagzeug ebenfalls singen. Es sind nicht Rhythmus und Drive, die sein Spiel ausmachen, sondern eine ungemein sensible Ausdrucksweise, die sich der stets im Vordergrund stehenden Melodie anpasst. Natürlich gönnt sich Brandqvist auch mal ein fulminantes Solo – eben so, wie man es von einem Schlagzeuger kennt und erwartet. Aber meistens streichelt er sein Instrument.

Bewundernswert sind die feinen Übergänge, die punktgenauen Stimmungswechsel und das ausgefeilte Zusammenspiel von Emil Brandqvist am Schlagzeug, dem Finnen Joona Toivanen am Klavier und Max Thornberg am Bass. Die Musik des Trios ist durchweg sehr entspannt, oft melancholisch oder poetisch. Es ist Jazz, der an nordische Volkslieder erinnert, der durch die Schönheit des Klangs und durch fast sommerliche Stimmung besticht. 

Aber in manchen Momenten verdichtet sich auch dieser Klang zu kompakten Gebilden. Brandqvist beweist zudem schelmischen Humor: Wie er manches Stück mit einer unerwarteten, kleinen Pointe am Schlagzeug beendet, sorgt immer wieder für unterhaltsame Momente. Schwedische Künstler haben in den vergangenen Jahren das Jazz-Bild entscheidend mitgeprägt: Das Brandqvist Trio ist auf dem besten Weg, diesen Trend erfolgreich weiterzuführen.

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