Sopranistin Simone Kermes überzeugt in der Bremer Glocke mit Arien des Barock

Ruhig ist schwierig

Simone Kermes ·
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Simone Kermes

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Nach der zweiten Zugabe, Didos von andächtiger Schwermut durchdrungener Klage aus Henry Purcells „Dido und Aeneas“, erklärt Simone Kermes: „Das Ruhige ist das Schwierige, eigentlich.“

Sie sagt das nach einem Abend, der geprägt ist von barocktypischen Arien voller technischer Finessen, nach einer Demonstration des virtuosen Koloraturgesangs.

Es ist ein gewagtes Programm, das die Sopranistin für ihren Auftritt am Samstagabend in der Glocke zusammengestellt hat. Gewagt nicht etwa, weil sie sich auf Werke des Barock beschränken will. Sondern deshalb, weil es sich überwiegend um Arien aus der zweiten Reihe der Opera seria handelt: von einstmals bedeutenden Komponisten wie Nicola Antonio Porpora oder Leonardo Leo, deren Nachruhm sich allerdings nicht ganz zu Unrecht in Grenzen hält. Insbesondere Porpora ist oftmals mit guten Gründen vorgeworfen worden, es allzu sehr auf zirzensischen Effekt abgesehen zu haben, statt auf künstlerischen Ausdruck.

Das Schwierige aber ist eben nicht das Zirzensische, sondern das Ruhige. Und allein mit dieser Einsicht liefert Kermes die Erklärung für ihre phänomenale Darbietung.

Denn schwierig ist das Ruhige ja nicht an sich. Man kann ihm mit viel Vibrato und satter Tongebung in solidem Mezzopiano begegnen. Dann lässt es sich bequem auf die passende Tonhöhe einsingen, und am Ende gibt es auch noch Beifall für das vermeintlich so kraftvolle Timbre. Kermes ist dieses Vorgehen zu einfach.

Vibrato findet bei ihr nur spärlichen Gebrauch, und statt vollem Opernkolorit pflegt sie eine schlanke, bewegliche Stimme. Das führt nicht nur bei Stücken wie Purcells „Dido und Aeneas“ zu einer packenden Intimität mit authentischer Verletzlichkeit, sondern auch bei musikalisch eher mäßig überzeugenden Werken wie der Arie „Alto Giove“ aus Porporas Oper „Polifemo“. Dass bei Letzterer der völlig freie und damit außerordentlich heikle Einstieg leichte Unschärfen in der Intonation mit sich bringt, ist der Preis eines solch mutigen Interpretationsansatzes – man nimmt ihn gerne in Kauf.

Das Leichte, das ist nach dem Urteil der Solistin etwa die Arie „Vedrà turbato il mare“, auch sie aus einer Porpora-Oper („Mitridate“). Bemerkenswert erscheint hier deshalb auch nicht die Versiertheit, mit der Kermes die hoch virtuosen Koloraturen ausgestaltet. Was ihre Interpretation auszeichnet, ist vielmehr die Gabe, der Arie ein ungeahnt breites Farbspektrum abzugewinnen, ohne sich dabei der naheliegenden Strategie dynamischer Kontrastierungen bedienen zu müssen.

Allenfalls manch lustvolle Retardierung bei besonders effektvoll herausgearbeiteten Höhepunkten mag sich Kermes nicht verkneifen. Bei Leonardo Leos „Son qual nave“ (aus „Zenobia in Palmira“) garniert sie das mit keck unschuldigem Augenaufschlag. So etwas kann schnell peinlich werden, wenn sich denn über die Berechtigung solcher Showeinlagen diskutieren lässt – bei Kermes besteht dazu kein Anlass.

Das begleitende „La Folia Barockorchester“ unter der Leitung von Robin Peter Müller steht an diesem Abend klar im Schatten der Solistin. Deren aus stimmlichen Gründen notwendige Einsatzpausen füllt das Ensemble mit Werken von Vivaldi, Geminiani und – wem sonst – Nicola Porpora: solides Spiel ohne nennenswerte Impulse. Von denen hat Kermes ja schon genügend geliefert an diesem Abend.

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