Die Ruhe nach dem Sturm

Alize Zandwijk bringt „Schimmelreiter“ auf die Bühne

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Drei von neun grandiosen Schauspielern in Alize Zandwijks Inszenierung von Theodor Storms „Schimmelreiter“: Susanne Schrader (v. l.), Nadine Geyersbach und Alexander Swoboda.

Bremen - Von Jan-Paul Koopmann. Als am Ende der Sturm losbricht, ist die Katastrophe längst passiert. Da mögen sich die Bäume noch so bedrohlich neigen, Dinge buchstäblich durch die Luft fliegen und Menschen sterben – in Alize Zandwijks Inszenierung von Theodor Storms „Schimmelreiter“ ist die Naturgewalt zwar schrecklich-schön anzusehen, darum aber nicht die Hauptsache.

Und das ist tatsächlich eine große Freude, wo doch eigentlich eine ganz furchtbar engagierte Ökonummer zu befürchten war. Wochenlang hatte das Bremer Theater Plastikmüllspenden gesammelt, um Thomas Rupert daraus ein Bühnenbild gestalten zu lassen. Nun schwappt ein Meer davon auf der Bühne, das die Nordsee darstellen und uns alle daran erinnern soll, was wir den Ozeanen Furchtbares antun. Wenn zwischendurch der Wind hineinbläst, bäumen sich aus dem Müll heraus gewaltige Pferde aus dünnen Tütchen auf. Schlichtweg beeindruckend ist das, und man weiß nie so recht, ob man an ein Nachtgespenst denken soll oder an die Fotos verendender Tiere aus den Nachrichten.

Also doch: Die Natur und das, was die Menschheit ihr zumutet. Die Geschichte von Deichgraf Hauke Haien, dessen neuer Deich dem Meer ein bisschen Land abringen soll, schreit ja auch danach. Und zwar so laut, dass die rein menschlichen Tragödien dahinter in der Regel verblassen. Dass dies hier aber nun eben nicht passiert, liegt an – tja, an wirklich allen Beteiligten. John von Düffels Bearbeitung der Storm’schen Novelle schmeißt zum Anfang rabiat die Rahmenhandlung sowie Haukes Vater raus und schafft so Platz für den Zank der nächsten Generation. Hauptdarsteller Alexander Swoboda gibt den Deichgraf mit Verve zwar und Schaum vorm Mund, bläst ihn aber doch nie zu tragischer Übergröße auf. Sein Hauke bleibt bis zum Ende der übereifrige Streber und Emporkömmling, neben dem noch Platz für andere bleibt.

Die wissen damit auch etwas anzufangen: Martin Baum und Stephanie Schadeweg geben etwa ein wunderbares Neiderpärchen ab, kribbelig fies, aber doch nur allzu menschlich. Sie sind keine Dämonen, keine Schicksalmächte, sondern die ganz einfachen Leute aus der Hölle Nachbarschaft. Und dann natürlich Elke, Haiens Ehefrau, die Nadine Geyersbach trittsicher durch sämtliche Höhen und (vor allem) Tiefen des dörflichen First-Lady-Daseins führt: Erst ist sie bei ihrem Vater nur die Nummer zwei hinter Hauke, dann bekommen sie keine Kinder, dann doch, aber die Tochter hat eine Behinderung, dann dreht der Mann durch und fährt schließlich den ganzen Laden vor die Wand. Dass sie’s aushält, ist klar, es steht im Text. Dass es wirklich schmerzt, Nadine Geyersbach dabei zuzusehen, ohne dass sie auch nur für Sekunden in passive Opferrollen rutscht – das ist ganz große Schauspielkunst.

Neben neun durchweg grandiosen Darstellern steht noch, wie so oft in Zandwijks Inszenierungen, Maartje Teussink am Bühnenrand. Die niederländische Singer-/Songwriterin singt diesmal etwas weniger, entwickelt dafür aber mit Klarinette, Gitarre und Kontrabass einen durchdringenden Soundteppich, der mal einen melancholischen Hintergrund abliefert, dann wieder in sich hochschraubenden Loops die Sturmflut vertont.

Darum geht es also: um Menschen, Frauen insbesondere, die sich in der ersten und zweiten Natur durchschlagen müssen. Ein wirklich herzzerreißender Moment gehört dann übrigens doch dem Hauke Haien. Es ist der ganz kurze Satz, „Ich hab’ sie lieb“, den er über die Tochter sagt, die schwachsinnige. Das ist so hart, weil man es ihm abnimmt, dem Techniker und Rechengenie.

Am bedrohlichsten anzusehen ist dann auch nicht das Meer (das schwappt halt meist so traurig vermüllt vor sich hin), sondern der Deich: eine gewaltige Betonmauer, deren hinterer Teil sich als zweite Spielebene nach oben fahren lässt. Auf der steht klagend ein kahler, windschiefer Baum, der ölig glänzt, und in dem sich manchmal zufällig vorbeiwehendes Plastik verheddert.

Diese Natur versucht gar nicht erst, Weite vorzugaukeln. Sie bleibt vorsätzlich hermetisch geschlossen, wie ein Diorama oder vielleicht ein Tim-Burton-Film. Gedoppelt und gedeutet wird das Geschehen oben auf dem Deich von einer kleineren Version am vorderen Bühnenrand. Es mag nicht immer ganz klar sein, wer hier warum was kopiert, aber es gibt doch mindestens interessante Parallelen zwischen beiden Ebenen. Wenn etwa oben Susanne Schrader als noch ungeborene aber sehnsüchtig erwartete Tochter Wienke schaukelt, während sich unten Stephanie Schadeweg als Konkurrentenfrau Vollina in den Wehen auf den Minibaum stützt. Neben ihr hängt ein zweiter Vollmond in der Luft – ein kleinerer.

Und als wollte sich die Handlung vor der aufdringlichen, naturgewaltigen Deutung verstecken, zieht sie sich zum Ende immer weiter in die Miniatur zurück: Die große Tragödie zum Schluss, als Hauke Haien Frau und Kind in die tosenden Wasser des brechenden Deichs folgt, wird in einem Sandkasten unter einem noch kleineren Mond nur noch mit Figuren gespielt. Da hat sich Maartje Teussink schon mit ihrem Bass unterm Arm von der Bühne geschlichen und aus den anderen Schauspielern sind Erzähler geworden. Sie spielen nicht mehr, stehen im Kreis und sprechen Storms Novellentext trocken, bis das Licht ausgeht. Wie gesagt: Die eigentliche Katastrophe war ja längst vorbei, als dieser Sturm aufzog.

Nächste Aufführungen: 12., 20. und 27. Oktober, 19.30 Uhr, Theater am Goetheplatz, Bremen.

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