Neue CD-Box von Singer-Songwriter Harry Nilsson kommt auf den Markt

Rülpser und Raffinesse

Kreiszeitung Syke
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Syke - Von Jörg WoratEr schrieb herausragende Songs und hatte seine größten Erfolge mit Fremdkompositionen. Seine Stimme war begnadet und auf dem vermeintlichen Höhepunkt seiner Karriere völlig kaputt. Er hatte eine charismatische Persönlichkeit und hasste Live-Auftritte. An Extravaganzen mangelte es nicht im Leben des Harry Nilsson, der gern auf seinen Vornamen verzichtete und so als „Nilsson“ bekannt wurde. Oder auch nicht – ist dieser besonders in den Anfangs-70ern populäre US-amerikanische Singer-Songwriter doch mittlerweile arg in Vergessenheit geraten. Eine neue 17-CD-Box könnte dies ändern.

Schon rein äußerlich gibt’s an „The RCA Albums Collection“ wenig zu meckern. Die Zusammenstellung enthält den weit überwiegenden Teil von Nilssons Gesamtwerk – dass etwa sein letztes Album „Flash Harry“ fehlt (weil bei einem anderen Label erschienen), ist zu verschmerzen. Alle 14 Wiederveröffentlichungen enthalten Bonusmaterial wie alternative Abmischungen, Extratitel, Radiospots oder, bei den frühen Scheiben, auch schon mal eine komplette Mono-Version. Dazu kommen drei CDs mit Raritäten, und nur sehr wenig von alledem wirkt wie reines Füllmaterial. Es gibt ein umfangreiches Booklet und gegebenenfalls Klappcover, aus denen die Silberlinge allerdings nur mühsam herauszufriemeln sind. Der Klang ist weitgehend ausgezeichnet, wiewohl in Sachen Dynamik etwas uneinheitlich. Doch in einem Rutsch durchhören wird und sollte man die Box ohnehin nicht.

Nilssons vor allem in den Höhen fantastisch flexible Stimme hat einen hohen Wiedererkennungswert, ohne dass der eigenwillige Musiker mit der ausgeprägten „tongue-in-cheek“-Attitüde stilistisch festzulegen wäre. Man muss jederzeit mit allem rechnen: Pop und Rock, Calypso und Country, Kitsch und Kunst, sparsamen und opulenten Arrangements. „Nilsson Sings Newman” enthält genau das, was der Titel vorgibt (mit Randy himself am Klavier), „The Point!“ ist eine nach Nilssons eigenen Angaben unter Einfluss von Halluzinogenen konzipierte und trotzdem ziemlich charmante musikalische Fabel.

Vielleicht macht die „Schmilsson“-Trilogie die spezielle Herangehensweise des Sängers besonders deutlich: „Nilsson Schmilsson“ wurde 1971 zu seinem größten kommerziellen Erfolg, der von „Badfinger“-Musikern komponierte Titel „Without You“ zum Grammy-Gewinner. Statt das bewährte Pop-Konzept fortzusetzen, wartete der Nachfolger „Son of Schmilsson“ mit mancherlei Brüchen auf: Es erklingen zuweilen äußerst derbe oder anderweitig befremdliche Texte – so nudelt ein Chor fröhlich den Refrain „I'd Rather Be Dead“ vor sich hin, während der hyperschmalzige Einstieg von „At My Front Door“ nach wenigen Takten mit einem satten Rülpser abbricht und in etwas mündet, das ein reinrassiger Rock’n’Roll werden könnte – wenn nicht gegen Ende extravagante Gesangseinlagen diesen Eindruck ruinieren würden. 1973 wiederum überraschte „A Little Touch of Schmilsson in the Night“ (ein abgewandeltes Shakespeare-Zitat) mit Standards wie „Makin' Whoopee“ im Orchestergewand, wohlgemerkt zu einer Zeit, als dergleichen noch keineswegs üblich war.

Der Niedergang begann ausgerechnet mit einem Wunschprojekt: Der mit sämtlichen Beatles befreundete Nilsson ließ 1974 „Pussy Cats“ von John Lennon produzieren. Doch die beiden Kumpels hatten sich auf ihren legendären Zügen durch die Gemeinde offenbar dann doch zu sehr die Birnen vollgekübelt – statt genialer Anarchie dominiert auf dieser Scheibe zielloser Matsch, und dass Nilssons Stimmbänder inzwischen kräftig gelitten hatten, machte die Sache nicht besser. Auf dem zwei Jahre später entstandenen „That's the Way It Is“ hatte der einst so fulminante Sänger gar Mühe, überhaupt die Töne zu treffen. Nur um es mit dem Nachfolger allen, die ihn schon abgeschrieben hatten, noch einmal richtig zu zeigen: „Knnillssonn“ wurde mit subtilen Arrangements seine vielleicht raffinierteste und hintergründigste Platte überhaupt.

Harry Nilsson starb am 15. Januar 1994 mit gerade einmal 52 Jahren. Nun ist die Zeit für die Neu- oder Wiederentdeckung gekommen. Diese Box bietet sich dafür an, zumal man aktuell nicht mehr als 60 Euro dafür bezahlen muss.

„Nilsson – The RCA Albums Collection“ (Sony, 17 CDs)

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