Das Artemis Quartett überzeugt mit seiner neuen Geigerin Vineta Sareika in der Bremer Glocke

Routine am Rande des Risikos

+
Programm geändert, Ensemble aber nicht: Das Artemis Quartett war in der Bremer Glocke zu Gast. ·

Bremen - Von Ute Schalz-LaurenzeObschon nun seit der Umbesetzung der ersten Geige beim Berliner Artemis Quartett bereits einige Monate ins Land gegangen sind, ist die Spannung auf die neue Besetzung noch immer groß in den Städten, in denen Artemis noch nicht waren: so nun auch in Bremen bei der letzten Ausgabe der PhilharmonischenKammermusikkonzerte.

Noch frisch ist die Erinnerung an das sensationelle Niveau des Ensembles bei seinem letzten Auftritt in Bremen vor zwei Jahren – als allerdings die Primgeigerin erkrankt war. Damals wie heute war das Konzert schon seit Tagen ausverkauft: geschuldet einmal dem Ruf eines der besten Streichquartette der Welt, geschuldet aber auch der Neugier auf die lettische Geigerin Vineta Sareika, die seit Januar 2013 Natalia Prishepenko ersetzt, die 18 Jahre lang die Primaria des Quartetts war.

Das Ensemble ist 1989 gegründet worden, lediglich der Cellist Eckard Runge ist noch von der damaligen Besetzung übrig geblieben. 2007 sind der zweite Geiger Georg Sigl sowie der Bratscher Friedemann Weigle dazugekommen. Über Sareika lässt sich nun sagen: Sie passt, es passt alles und versetzt das Publikum in tiefstes Hörerglück.

Schnell hatte man auch vergessen, dass das angekündigte Programm nicht gespielt wurde. Einige verkauften ihre Karten, andere äußerten sich verärgert. Das ist umso verständlicher, als mit dem G-Dur-Quartett von Schubert und dem f-Moll-Quartett von Mendelssohn Bartholdy die Spitzen des Repertoires überhaupt zu erwarten waren.

Nun aber gab es zwei frühe Quartette von Mendelssohn Bartholdy, das zweite in a-Moll op. 13 und in e-Moll op. 44/2. Mit einer im wahrsten Sinne des Wortes unerhörten Homogenität, einer unerhörten Spontaneität, ja Wildheit, unerhörten Virtuosität jedes Einzelnen, unerhörten Klanglichkeit und auch unerhörten Spannungsgestaltung überzeugte das Artemisquartett vom Genie des jungen Komponisten, der noch immer als Epigone und Klassizist unterschätzt ist. Die perfekte Balance zwischen einer unglaublichen Routine (im besten Wortsinn verstanden) am Rande des Risikos und einer strukturellen Klarheit bei durchgehend überzeugenden Tempi verhalf dem Genie des 22-jährigen (op. 13) und 32-Jährigen (e-Moll) zu einer Wirkung, die wohl schwer überbietbar ist.

Details vom damaligen Konzert, Brahms und Schostakowitsch, können wiederholt werden: die geheimnisvollen Übergänge und der klare Wechsel von Atmosphären. Selten hat man auch in den allerbesten Streichquartetten die persönliche Ausdruckskraft jedes Einzelnen so gehört wie hier. Die Gefahr des Nebeneinander ist gegeben. Nicht so beim Artemis-Quartett, denn neben ihren immer auch fast solistisch verstandenen Partien hören diese vier mit atemberaubendem Klangergebnis aufeinander. Wobei noch zu merken war, wie Eckart Runge alles zusammenzuhalten schien, wie sehr er auf die neue Geigerin achtete.

Eine persönliche und wunderbare Rarität war der Versuch, Tangomusik von Astor Piazzolla mit Präludien und Fugen von Johann Sebastian Bach zu koppeln: Piazzolla wollte immer ein richtiger Komponist sein und studierte mit hörbaren Folgen für seine Musik die Kontrapunkttechnik von Bach. Bach seinerseits hatte dreihundert Jahre zuvor in den stilisierten Tänzen der Suiten die Volksmusik hineingenommen. In Bremen war nun ein von Friedemann Weigle und Eckart Runge beabeitetes Stück regelrecht uriger Musik zu hören. „Fuga del Angel“, hieß es und kam bestens an.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

US-Sanktionen gegen Ostsee-Pipeline Nord Stream 2

US-Sanktionen gegen Ostsee-Pipeline Nord Stream 2

Wir sind die Generation Sandwich, na und?

Wir sind die Generation Sandwich, na und?

Weihnachtsgeschenke gekonnt loswerden

Weihnachtsgeschenke gekonnt loswerden

New-York: Das bietet der Reichen-Rummel Hudson Yards

New-York: Das bietet der Reichen-Rummel Hudson Yards

Meistgelesene Artikel

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Einmal Virtualität und zurück

Einmal Virtualität und zurück

Entwickelter Alltag

Entwickelter Alltag

Viel mehr als nur Realität

Viel mehr als nur Realität

Kommentare