Theater Bremen zeigt „Aus dem Nichts“ nach dem Film von Fatih Akin

Rostock, ein Sommermärchen?

Es ist dunkel in Deutschland: Fabian Eyer (l.), Nadine Geyersbach und Irene Kleinschmidt in „Aus dem Nichts“. Foto: Jörg Landsberg

Bremen - Von Rolf Stein. Am Ende geht das Licht aus. Das ist, zugegeben, im Theater natürlich eigentlich wenig überraschend. In „Aus dem Nichts“ am Theater Bremen dann aber doch. Weil es eigentlich nämlich vorher nochmal kräftig blitzen und donnern müsste. Weil nämlich Katja Sekerci eine Bombe platzen lässt, mit der sie sich zusammen mit den Mördern ihres Mannes und ihres Kindes, den freigesprochenen rechtsextremistischen Terroristen Edda und André Möller, in die Luft sprengt.

Diese Szene, die der Regisseur Nurkan Erpulat wie die vorhergehenden in eigentümliches Halbdunkel eingekleidet hat, beschließt einen eineinhalbstündigen Abend im Kleinen Haus des Bremer Theaters, der auf Fatih Akins Spielfilm „Aus dem Nichts“ aus dem Jahr 2017 basiert. Armin Petras, seit Beginn der aktuellen Spielzeit als Autor und Regisseur am Theater Bremen, hat daraus eine Bühnenfassung gemacht, die Erpulat nun uraufgeführt hat - nicht ohne einige markante Eingriffe.

So montiert er in Akins fiktiven, lose nach dem Nagelbomben-Attentat des Nationalsozialistischen Untergrunds in der Kölner Keupstraße gestalteten Plot über einen von Nazis ermordeten Deutsch-Türken mit Kickbox- und Knast-Vergangenheit echte Biografien von NSU-Opfern ein. Und in einem großartig inszenierten, allerdings so ratlos wirkenden wie machenden Bild (Bühne: Elena Melissa Stranghörner) schließt er in Stichworten wesentliche Linien der jüngsten drei Jahrzehnte deutscher Geschichte kurz und lässt sie von dem sechsköpfigen Ensemble stumm schreddern.

Einerseits ist das durchaus ein bisschen plausibel: Bekanntlich vernichtete im wirklichen Leben ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes Akten, die Licht in die Geschehnisse um den „Nationalsozialistischen Untergrund“ hätten bringen können. So gingen der Öffentlichkeit ja tatsächlich Zusammenhänge verloren. Allerdings ist damit noch nicht erklärt, was Begriffe wie „Sommermärchen“, „Rostock“, „Chemnitz“, „Gutmensch“ und noch einige mehr miteinander zu tun haben. An gleicher Stelle hat das vor nicht allzu langer Zeit der Schauspieler Tucké Royale in „Nathan der Weise“ in dieser Spielzeit durchaus mit Gewinn unternommen.

Mehr oder minder nachvollziehbare, wenn nicht gleich offensichtliche Zusammenhänge zu erkennen, bereitet derweil auch einem Teil der Figuren Probleme. Kommissar Fischer zum Beispiel, der analog zur infamen Idee von „Döner-Morden“ den Schuldigen erst einmal im Opfer sucht - und das in Gestalt von Martin Baum weniger bösartig als borniert tut. „Es waren Nazis“, sagt ihm die Witwe Sekerci. „Wie kommen Sie darauf?“, fällt Fischer ein - und nichts weiter daran auf.

Man könnte sogar sagen, dass in dieser Szene Erpulats Inszenierung zu sich selbst kommt. Schon vorher, der Abend hat gerade in den Gerichtsdrama-Modus gewechselt, wird ein riesiger Quader auf die Bühne gewälzt, der aus Papierfetzen besteht, während von oben, Fitzelchen für Fitzelchen, mehr Papier herab rieselt. Katjas Racheakt wirkt da im Anschluss nicht unbedingt zwingend. Während auf Nadine Geyersbachs Darstellung dieser Katja das Gegenteil zutrifft. In Bremen kennt man die bisweilen kaum fassbare emotionale Intensität dieser Schauspielerin zwar durchaus. In „Aus dem Nichts“ gelingt ihr aber tatsächlich noch eine Steigerung, lässt die Schauspielerin ihre durchaus auch ambivalente Figur vor unseren Augen schier vergehen. Das macht diesen Abend, der vieles anreißt, aber nicht ausführt und durchaus ratlos machen kann, dann doch zu einem nachhaltigen Erlebnis. Hier tritt dann nicht nur die unschlüssige Dramaturgie des Abends etwas in den Hintergrund, sondern auch die heterogene Arbeit des Ensembles. Aus nämlichem sticht vor allem Martin Baum (unter anderem als Kommissar) heraus. Irene Kleinschmidt weiß vor allem als Katjas Anwältin zu überzeugen, Bei den Moks-Schauspielern Judith Goldberg, Julian Anatol Schneider und Fabian Eyer ist leider nicht bei allen immer alles gut verständlich. Was sich natürlich noch geben mag.

Etwas fragwürdig auch die Entscheidung, zwei griechische Nebenfiguren mit entsprechendem Akzent sprechen zu lassen. Wofür das gut sein soll, bleibt undeutlich.

Weitere Vorstellungen:

Freitag, 22. Februar, Dienstag, 26. Februar, Donnerstag, 28. Februar, Mittwoch, 6. März, jeweils 20 Uhr, Kleines Haus, Theater Bremen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Die Ostseeinseln von Fehmarn bis Usedom

Die Ostseeinseln von Fehmarn bis Usedom

Einheiten der Polizei messen sich in Bremen

Einheiten der Polizei messen sich in Bremen

Steinmeier wirbt für mehr Einmischung

Steinmeier wirbt für mehr Einmischung

Noch nie waren weltweit so viele Menschen auf der Flucht

Noch nie waren weltweit so viele Menschen auf der Flucht

Meistgelesene Artikel

Rapperin Sookee tritt beim Hurricane auf: „Hauptsache Bühne“

Rapperin Sookee tritt beim Hurricane auf: „Hauptsache Bühne“

Die Würde des Weltalls

Die Würde des Weltalls

Wieder auf die Spitze

Wieder auf die Spitze

Gesellschaftsporträt mit Katze

Gesellschaftsporträt mit Katze

Kommentare