Festival als Miniaturmodell

Liebeserklärung an Roskilde zwischen Kotzflecken, Kondomen und Konfetti

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Das Roskilde-Festival als Miniaturmodell?

Roskilde - Von Pascal Faltermann. Leere Bierdosen, kaputte Luftmatratzen, angebrochenes Schwarzbrot in einer Tüte und Plastikbesteck liegen zwischen Kotzflecken, Kondomen und Konfetti. Am Zaun riecht es extrem streng nach Urin.

Atmen ist nur noch durch den Mund möglich. Das Dixieklo ist mit Fäkalien beschmiert, aufgeweichtes Toilettenpapier liegt auf der Klobrille. Hier vermischt sich der Geruch von Stuhl und Urin. Auf dem Weg zum eigenen Zelt ist es staubig. Das Tuborg in der Hand ist lauwarm. Gleich muss ordentlich Schnaps getrunken werden, um die Nacht in Roskilde zu überstehen. Die Metal-Nachbarn haben sich ein wummerndes Soundsystem-Monster geschaffen, mit dem sie den ganzen Campingplatz beschallen können. Von den dänischen Nachbarn ganz zu schweigen - zu jeder Tages- und Nachtzeit ballern sie Techno- und Elektro-Klänge aus ihrer Anlage.

Doch warum fallen die nervigen, ekelhaften Dinge als Erstes auf? Soll das hier nicht eine Liebeserklärung an das beste Festival werden? Eine Beschreibung, warum das Roskilde-Festival, das Orange-Feeling, so unvergleichlich ist. Warum hier in Dänemark viel mehr richtig gemacht wird als bei jedem Groß-Festival in Deutschland. Warum hier etwas anders ist, als beim Hurricane oder beim Rock am Ring.

Teil des ganzen Roskilde-Kunstwerkes. 

Es gibt mehrere Erklärungen, warum das so ist. Da wäre die Dimension: Das Roskilde-Festival findet an acht Tagen statt. Das ist nicht nur ein Party-Wochenende, es ist eine Musik-Woche, und das seit 1971, also mittlerweile 44. Jahre. Die Veranstalter verraten, dass das Basisbetriebsbudget etwa 175 Millionen Kronen (23,5 Millionen Euro) hoch ist. Das Musikbudget beträgt 45 bis 50 Millionen Kronen (6 bis 6,7 Millionen Euro). Die rund 130.000 Teilnehmer machen Roskilde zu Dänemarks viertgrößter Stadt in Bezug auf die Einwohnerzahlen. Das Besondere daran: Das Festival ist zu 100 Prozent Non-Profit und wird von 30.000 engagierten Freiwilligen ermöglicht. Das Engagement erstreckt sich von mehreren Tagen für Servicekräfte in den Verkaufsstellen oder an den Eingängen während des Festivals bis hin zu Hunderten von Stunden über das Jahr verteilt auf Projektmanager. Der gesamte Überschuss wird vom Roskilde-Festival Fond an kulturelle und gemeinnützige Zwecke gespendet. Seit seiner Gründung in den 70er Jahren hat Roskilde mehr als 200 Millionen Kronen (26,8 Millionen) ausgelobt.

Das Entdecken und Fördern: Seit es das Festival gibt, werden Nachwuchsmusiker unterstützt und gefördert. 2014 gibt es zum ersten Mal eine vollkommen neue Bühne für diese Bands - die Rising, die in der Mitte des Campingplatzes East stand. So spielten dort die dänischen Newcomer Get Your Gun bluesigen, staubigen Americana-Rock, die dänische Sängerin Kill J überzeugte mit alternativem R&B oder die Grind- und Hardcore-Combo Hexis aus Kopenhagen brüllte raus, was raus musste.

Der Raum zum Gestalten und für die Kunst. In der Art Zone westlich der Orange Stage gibt es viel Platz für Künstler. Wo früher Kunst auf dem gesamten Platz verstreut war, ist das Kunst-Programm im Jahr 2014 an einem Ort versammelt. Graffitis von den Rolling Stones bis zu Lykke Li sind dort zu sehen. Und warum? Weil die Kunstverantwortlichen des Festivals einen 6400 Quadratmeter großen Spielplatz für Kunstprojekte eingerichtet haben, der von Street Art, Graffiti, Gaming, Performances und Lichtkunst dominiert wird und von mehr als 150 Künstlern aus neun verschiedenen Ländern geschaffen wurde. Insgesamt gab es in diesem Jahr 21 Kunstprojekte, 150 Künstler und 75 Freiwillige, die die Inhalte erstellten. Riesige Lichtinstallationen, Graffiti in 3D, Performance-Kunst, Live-Journalismus und mehr. Apropos Journalismus: Welches Festival schafft es, jeden Tag eine eigene Zeitung herauszubringen? Roskilde kann es. Die „Orange Press“ wird jeden Morgen mit frischem Kaffee auf den Campingplätzen verteilt.

Das Essen: Gemüse-Omelette, vegane Spaghetti, dicke Frikadellen, Moschus-Burger oder Insekten - beim Essen kann kein anderes Festival mithalten. Die Burger sind riesig, der Festivalbesucher kann selbst kochen und es gibt ein Bio-Bier, einen festivaleigenen Gerstensaft. Der Anteil von Bio-Zutaten in den Lebensmitteln auf dem Festivalgelände beträgt mindestens 30 Prozent an den normalen Ständen, 45 Prozent bei den Mahlzeiten der Mitarbeiter, 60 Prozent im Food-Court und 70 Prozent im Künstler-Catering. Sämtlicher Reis, Kaffee, Tee, Wein, alle Nudeln und Milchprodukte sind Bio. Für Vegetarier und Veganer gibt es ein reichhaltiges Angebot. Noch Fragen?

Der Umgang mit dem Müll. Ja, auf den Campingplätzen liegt tonnenweise Müll herum. Unglaublich, was Menschen alles wegwerfen. Zelte, Schlafsäcke, Pavillons - all das scheint bei zahlreichen Festivalgästen nur ein Einwegprodukt zu sein. Aber: Auf den Campingplätzen gibt es Trash-Stationen, an denen Freiwillige (man kann es gar nicht oft genug sagen) den Müll sortieren. Täglich laufen mehrfach Ordner über die Plätze und verteilen Müllsäcke, die Campingausrüstung kann gespendet werden oder wird aufbereitet zur Wiederverwertung. Auch Schlafsäcke, Isomatten oder ungeöffnete Dosen mit Lebensmitteln können abgegeben werden und kommen Obdachlosen zugute. Dieses Jahr werden 1550 Zelte, 1600 Schlafsäcke, 1450 Isomatten und Luftmatratzen, 1300 Campingstühle, 1150 Decken und 120 Kisten mit Essen in Konservendosen gespendet. Wer sauberer und leiser zelten möchte, kann dies in gleich drei verschiedenen Areas tun.

Und da wäre natürlich die Musik: Internationale Stars und Legenden (The Rolling Stones, Arctic Monkeys, Damon Albarn, Stevie Wonder) springen ins Auge, 160 Bands präsentieren sich in diesem Jahr und ihnen wird deutlich mehr Spielzeit eingeräumt als bei anderen Festivals. Während die Stones eher routiniert bis langweilig ihr Programm abspulen, drehen Lykke Li oder Seeed hier erst richtig auf. Kein Vergleich zu ihren Konzerten beim Hurricane. Weitere Highlights: Mogwai, Julia Holter oder Dilated Peoples.

Orange Feeling

Doch das reicht immer noch nicht, um dieses orange Gefühl zu beschreiben. Dieses Feeling, ein kleiner Teil von etwas Riesigem zu sein. Also setzt euch mal nachts in „Dream City“ (Agora H) auf dem Hügel auf euren Hosenboden und lasst euren Blick schweifen. Die meterhohen Buchstaben thronen auf einem Hügel, rechts vom herrlichen Sitzplatz im staubigen Gras. Über den Köpfen dunkle Nacht, vor den Augen der ergreifende Blick über das Festivalgelände, im Inneren die dunkel klopfenden Bässe der bunt erleuchteten Stages. Die Musik von drei Bühnen mischt sich hier - Major Lazer legt sich über Interpol und Dengue Dengue Dengue. Im wiederkehrenden Rhythmus zerschneidet eine Lasershow die Schwärze des Himmels, kilometerweit. Zwei Stimmen sprechen über die Orange Stage: Als Miniaturmodell wäre diese Szene grandios. Und da ist es plötzlich da: Das Gefühl, auch eine Miniaturfigur zu sein. Teil des ganzen Roskilde-Kunstwerkes. Von hier oben lässt es sich mit geschlossenen Augen genau spüren: wie wertvoll Roskilde ist.

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