Sänger Michy Reincke über die Hitparadisierung unserer Kultur und sein neues Album

Rose auf dem Misthaufen

Immer Sonne ist Wüste: Michy Reincke kritisiert gängige Definitionen von Erfolg. ·
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Immer Sonne ist Wüste: Michy Reincke kritisiert gängige Definitionen von Erfolg. ·

Hamburg - Von Ulf Kaack. In den frühen Achtzigern war Michy Reincke die Stimme, das Gesicht und der Songschreiber von „Felix de Luxe“ und landete mit seiner Komposition „Taxi nach Paris“ einen riesigen Hit, der bis heute Kultstatus besitzt. Seit einem Vierteljahrhundert ist der 54-Jährige mit großem Erfolg auf Solopfaden unterwegs.

Der NDR versah ihn unlängst mit dem Prädikat „Beliebtester Popmusiker Norddeutschlands“. Vor fünf Wochen erschien unter dem Titel „Hatte ich dich nicht gebeten im Auto zu warten“ (Rintintin/Indigo) sein elftes Album, eine ausgedehnte Deutschland-Tournee ist in vollem Gange.

Herr Reincke, vor einem Monat ist Ihr neues Album erschienen. Wie kommt es beim Publikum an?

Michy Reincke:Gegenfrage: Warum siezen Sie mich?

Aus Respekt und Höflichkeit, Sie sind der Ältere.

Reincke:Sind Sie sicher? Es braucht eine lange Zeit um jung zu werden. Ich kenne Zwanzigjährige, die sind älter als ich.

…und meine Eingangsfrage?

Reincke:Sehr gut. Wenn ich es nicht schon kennen würde, hätte ich auch meine Entdecker-Freude daran. Ich glaube für meine Art, Sprache in neuen Kombinationen zu verwenden, gibt es viele Interessierte und neue Bewunderer. Das ist anders und erfrischender als es üblicherweise in der aktuellen deutschen Popmusik passiert.

Warum dieser gewöhnungsbedürftige Album-Titel? Länge und Inhalt dürften dem Marketing-Boss Ihrer Plattenfirma Magenschmerzen bereitet haben.

Reincke:Der Titel korrespondiert mit dem Cover-Foto, ein Bild das mich auf dem Tellerrand eines Ufos zeigt. Darf der „Taxi-nach-Paris-Mann“ einfach aus seinem Weltraum-Taxi aussteigen? Es gibt auch einige kulturkritische Lieder auf „Hatte ich dich nicht gebeten im Auto zu warten“, in denen ich eine Gesellschaft beschreibe, die hinter dem Armaturenbrett eines Automaten festsitzt, den sie sich zu ihrer vermeintlichen Sicherheit selbst gebastelt hat. In diesem und wahrscheinlich vielen anderen Zusammenhängen ist es genau der richtige Titel. Und mit dem Boss meiner Plattenfirma kriege ich selten Ärger. Das bin ich nämlich selbst.

Sie gelten als der Meister des poetischen Liebesliedes. Vermehrt hört man nun kritische Worte in Ihren aktuellen Texten.

Reincke:Vielen Dank für die Blumen. Für Menschen, die mich lange begleiten, sind kritische Gedanken in meinen Songs nichts Ungewöhnliches. Ich war immer inspiriert von Popmusik mit einer Haltung. Es finden sich seit über 20 Jahren auf meinen Alben auch Lieder, in denen ich die absurden Zustände einer Gesellschaft benenne, die glaubt, sich durch ein „Immer mehr“ das große Glück zuführen zu können und dabei nur immer unglücklicher und neurotischer wird. Ich habe vor elf Jahren einen Aufsatz mit dem Titel „Immer Sonne ist Wüste“ veröffentlicht, der die groteske Hitparadisierung einer Kultur und die Deutung eines menschlichen Lebens als ein Geschäft anprangert. Ich mache mir seit vielen Jahren öffentlich Gedanken über eine würdigere Definition von Erfolg, weil Erfolg für viele tatsächlich nur bedeutet, verhaltensauffällige und sehr übertriebene Menschen anzuhimmeln, die durch die Medien taumeln. Weisheit, Klugheit, Erfahrung, geistiger und seelischer Reichtum wird mit Erfolg weniger häufig in Verbindung gebracht als Bauernschläue und aggressive Dummheit.

Nicht alles, was in den Charts erfolgreich ist, ist auch gut?

Reincke:Was ist denn die allgemeingültige Definition von Erfolg? Dass wir denjenigen auf die Schulter klopfen, die selbst als menschliche Versager, Trottel und Soziopathen etwas gelten, solange sie nur genügend Geld, Macht und Popularität anhäufen? Ich wünschte, wir hätten im täglichen Umgang ein tieferes und mutigeres Verständnis voneinander und für denkende Wesen angemessenere Kategorien, um uns den Wert eines Menschen bewusst zu machen.

Wie empfinden Sie das, was Sie tun, wie sehen Sie Ihre Musik selbst?

Reincke:Als eine Rose auf einem Misthaufen. Eine Kerze in einem Bergwerk. Ein kühles Glas Wasser in der Wüste – so was in der Richtung. Ich bin mir bewusst, dass es unsympathisch klingen kann, aber ich weiß auch, dass die Art wie ich die Sache angehe anders ist und selten. Mir sagte ein Radiomann schon Mitte der neunziger Jahre: „Michy, du kennst doch unser Format. Es kann für dich doch nicht so schwer sein, dich danach zu richten“. Ich habe das Radio immer geliebt, aber das Radio machte es mir auch oft nicht leicht. Man wird die Qualität eines künstlerischen Ausdrucks und den Reichtum eines künstlerischen Werkes niemals in Quoten und Verkaufslisten bemessen können. Wer braucht wirklich 24 Stunden Hitparadenmusik? In der Konsequenz werden Lieder doch schon längst von Betriebswirtschaftlern geschrieben und von Anwälten produziert.

Sie hatten vor 30 Jahren mit dem Titel „Taxi nach Paris“ mit Ihrer damaligen Band „Felix de Luxe“ einen Hit. Sind Jubiläumsaktivitäten in Planung?

Reincke: Sie sind jedenfalls nicht ausgeschlossen. Wir mögen uns noch und haben schon vor fünf Jahren eine kleine Rutsche durch Norddeutschland gemacht. Ich spiele erst einmal meine Tour und dann sehen wir weiter.

Was sagt Ihnen die aktuelle Popmusik in Deutschland?

Reincke:Es ist nicht so, dass ich die Jungen nicht mag, aber man sollte alles vermeiden, wofür man eine Maske tragen muss. Und ich bedaure den Mangel an Erlebnistiefe in einem Großteil der abgebildeten deutschen Popmusik. Wir müssen nicht alle in die gleiche Richtung gehen. Aber ich glaube, dass das wirkliche Potential noch lange nicht ausgeschöpft ist. Eine echte Vielfalt würde die Sache voranbringen.

Wie stehen Sie zu den digitalen Musikformaten?

Reincke:Was ich ehrlich gesagt überhaupt nicht verstehe: warum immer mehr Menschen Musik von illegalen Plattformen stehlen und sich dabei nicht als Diebe fühlen. Ein Mensch, der nicht in der Lage ist, durch einen Tausch die Qualität fremder Arbeit zu bewerten, ist ein Holzkopf, und ihm wird sich der tiefere Sinn und Austausch von etwas Wertvollem niemals erschließen.

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