Rosarot oder pechschwarz: Das Oldenburgische Staatstheater wirft am „schönsten Tag des Lebens“ die Glückskugel

Roulette im Casino der Ehe

Im Glücksrausch: IT-Experte Wolf mit seiner Angetrauten Tanya.
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Im Glücksrausch: IT-Experte Wolf mit seiner Angetrauten Tanya.

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. So richtig schön ist er ja selten, der schönste Tag des Lebens. Das fängt schon damit an, dass er so unbedingt schön werden muss, weil sonst aus der Ehe vielleicht nichts wird. Dann steht man auch noch andauernd unter Beobachtung, jeder Halbsatz, jede Geste wird auf die Goldwaage gelegt – von einer Hochzeitsgesellschaft, die man sich zum größten Teil auch nicht selbst ausgesucht hat. Und schließlich die Spiele! Tortenwettessen, Braut entführen, mit Äpfeln werfen: Das Brautpaar, das nach dieser Tortur tatsächlich noch zu einer klassischen Hochzeitsnacht imstande ist, muss erst erfunden werden.

In Oldenburg bläst nun das Kollektiv „Fräulein Wunder AG“ allen Heiratswilligen wie -unwilligen den Hochzeitsmarsch. Mit „Der schönste Tag des Lebens“ löst es das Versprechen des Oldenburgischen Staatstheaters ein, mehr Bürgertheater in seinem Spielplan unterzubringen: ein Theater also, das in der Stadt und mit der Stadt spielt. Am Mittwochabend hatte die Produktion Premiere, irgendwo in der Altstadt.

Hinter dem Eingang zu einem leerstehenden Mehrzweckgebäude schallt dem Besucher schon zu schlechter Keyboardbegleitung die ölige Stimme des Abendunterhalters entgegen: „Ganz in Weiß mit einem Blumenstrauß…“ Weißer und rosa Fummel hängt an der Decke, die Tische mit kitschigen Schleifen verziert, hinten lädt irgendwo eine „Polterbox“ zum Zerdeppern von Dosen ein, rechts verspricht eine „Knutschbox“ den schnellen Erfolg bei der Partnersuche. „Ich finde, ihr solltet euch erst mal in Stimmung bringen!“, ruft eine Frau in Glitzerkostüm der Hochzeitsgemeinde zu: Das war zu befürchten.

Und so wird getanzt, dass sich die Balken biegen, hin und her, vor und zurück und schließlich aber hinauf in den ersten Stock. Dort stehen hinter Lamettavorhängen schon Tische für die Festgesellschaft bereit. Wir seien, so ist zu erfahren, vor allem als Gewährsleute gefragt. Eine Hochzeitsgesellschaft, erklärt die Dame im Glitzerkostüm, habe nämlich „die Kraft zu bezeugen“: Wer es sich ein paar Tage später noch mal anders überlegen möchte, bekommt bei so vielen Beobachtern ein Problem.

Viel zu bezeugen gibt es allerdings erst einmal nicht. Zwei etwas rabiate Elfenwesen (Klaas Schramm und Pirmin Sedlmeir) spielen die peinlichsten Hochzeitspiele. Ein Oldenburger Ehepaar – erkennbar keine Schauspieler – erzählt von seiner alles in allem glücklichen Beziehung. Ein Mann legt einfach mal auf Spanisch los, seine deutsche Frau lässt wissen, dass sie sich in Buenos Aires kennengelernt haben, in der Buslinie 24. Das ist alles so gut gelaunt, so banal, dass man sich fragt, ob man nicht auch irgendwann einfach gehen könnte – so in der Rolle des lediglich fern verwandten Onkels, der sich bei solchen Feierlichkeiten immer als erster vom Acker macht?

Doch dann zeigen sich plötzlich unvermutete Brüche in dieser heilen Welt. Die Ehefrau des Argentiniers erzählt, wie ihr Mann kurz nach der Hochzeit einen Unfall erlitt. Monate im Koma, die Ärzte glaubten schon nicht mehr an ihn. Und als er aufwachte, war die Erinnerung an Hochzeit und Ehefrau verschwunden. Nur dass er mal in Deutschland war, habe ihm noch gedämmert. Welche Bedeutung hat eine Hochzeit in einer solchen Lage? Eine enorme. Ob sie als bloße Lebensgefährtin jederzeit Zugang zu ihm bekommen hätte, ist fraglich. Als Ehefrau bedurfte es keiner lästigen Diskussionen. Die Bezeugung der Gemeinschaft über die künftigen Absichten eines Paares: Hier wird der Wert dieses Rituals mit Händen greifbar.

Und dann die Kehrseite. Eine Frau berichtet von ihrer unglücklichen Ehe. 27 Jahre im Dienste der Familie. Als sie ein Studium begann und einen Beruf ergriff, war auf Unterstützung des Gatten nicht zu hoffen: Eine Frau hat sich zuallererst um den Haushalt zu kümmern, will sie mehr vom Leben, so ist das ihr Privatvergnügen. Die Ehe ist geschieden, doch ihre Nachwirkungen bleiben. Sie hat, so stellte sich heraus, mehr verdient als ihr Mann: Bis an ihr Lebensende muss sie ihm einen Teil ihrer Rente abtreten. Sie habe den Doppelnamen wieder auf ihren Mädchennamen verkürzen lassen, sagt sie. Und sie könne schwören: „Da kommt nie wieder ein anderer Name hin!“ Schönster Tag des Lebens?

Das „Glück“ der Ehe ist wohl weniger in seiner seelischen als in seiner stochastischen Bedeutung zu verstehen. Eine Hochzeit, so scheint es, ist eine Wette auf die Zukunft, ein Spiel, das im Casino ebenso gut aufgehoben wäre wie im Standesamt. Entweder Rosarot oder Pechschwarz: Auf andere Farben mag die Kugel bei diesem Roulette einfach nicht fallen.

Ein weiteres Stockwerk höher lassen sich diese Chancen spielerisch austesten. In einem futuristischen, mit Aluminium verkleideten Labor werden Fremde miteinander zu potenziellen Paaren kombiniert. Ein Speeddating mit Was-wäre-wenn-Charakter: Ganze Familien entstehen im Geiste, konstruiert aus der Schnittmenge von Persönlichkeitsprofilen. Es kann einem ganz schwindlig werden bei der Vorstellung, wie viele Zukunftsoptionen die Menschheit durch Unterlassung von Hochzeiten verstreichen lässt.

So gesehen hat es vielleicht doch der frisch verheiratete IT-Experte im akkuraten Anzug am besten getroffen. „Heiraten“, sagt er, „muss man mindestens dreimal im Leben.“ Der dritte Versuch sei es schließlich gewesen, der ihm die Frau seines Lebens beschert habe: eine hübsche Russin, kennengelernt über eine Internetplattform. Er werde nie die Worte vergessen, mit denen seine Freundin nach so langer Zeit des Bittens und Bettelns ihre Bereitschaft zum Umzug nach Deutschland bekundet habe. „Ganz unspektakulär“ seien sie gewesen, geäußert irgendwann so zwischen Tür und Angel. „Sie sagte einfach: Ja ich will!“

Kommende Vorstellungen: am 14., 15. und 29. Mai, jeweils um 20 Uhr in der Baumgartenstraße 11-12, Oldenburg.

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