Am Harzhorn überfielen Germanen bis zu 60 000 römische Legionäre

Roms vergessene Schlacht

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Petra Lönne, Kreisarchäologin im Landkreis Northeim, präsentiert den Ausschnitt einer römischen Pionieraxt mit Inschrift. ·

Von Martin SommerHANNOVER/NORTHEIM · Die Geschichte muss neu geschrieben werden. Jahrzehnte lang hat ein Heer von Archäologen und Historikern geglaubt und gelehrt, dass nach der fürchterlichen Varusschlacht im Jahre 9 nach Christus weitgehend Ruhe in Germanien herrschte, weil sich die Weltmacht Rom fortan hinter die Rheingrenze zurückgezogen hatte. Neuere Funde am Harzhorn im Landkreis Northeim beweisen aber, dass dort, im tiefsten Germanien, noch im dritten Jahrhundert ein blutiges Gemetzel stattgefunden hat. Die Fachwelt staunte nicht schlecht; die Geschichte hatte ein Weltereignis einfach vergessen.

Bekannt war bislang soviel: Im Jahr 233 n. Chr. verheerten die Alamannen die blühenden Grenzgebiete insbesondere im Raum Mainz. Im folgenden Jahr eilte Kaiser Severus Alexander an den Rhein und stellte im Winter 234/235 Einheiten aus allen Teilen des Imperiums für einen Gegenschlag zusammen. Sein Nachfolger Maximinius Thrax führte das zum Teil aus orientalischen und nordafrikanischen Einheiten bestehende Heer 235 n. Chr. über den Rhein, um in der „Schlacht im Moor“, so der antike Schriftsteller Herodianus, einen großartigen Sieg zu erringen. In der historischen Forschung war die „Schlacht im Moor“ lange Zeit nahe der römischen Außengrenzen lokalisiert worden, da sich niemand einen etliche hundert Kilometer weit reichenden Feldzug ins Barbarenland vorstellen konnte.

Mehr als 2 000 Fundstücke machen inzwischen jedoch das Unfassbare greifbar: Beim heutigen Kalefeld wurden die römischen Kampfeinheiten angegriffen, gingen aber Dank ihrer waffentechnischen Überlegenheit siegreich aus der Schlacht hervor.

Eine vollständig erhaltene, zwei Kilogramm schwere Pionieraxt (Dolabra) hat nun erstmals den Beleg erbracht, dass die IV. Legion, die eigentlich in Singidunum, dem heutigen Belgrad, stationiert war, an dem Waffengang teilgenommen hat. „Wir hatten hier Serben bei uns in Germanien“, sagte der Archäologieprofessor Günther Moosbauer von der Universität Osnabrück bei der Präsentation der restaurierten Axt gestern in Hannover. In dreimonatiger Puzzlearbeit hatte er ihre Inschrift entschlüsselt. „Beim Entziffern der Inschrift ergeht es dem Archäologieprofessor wie beim Lesen von studentischen Hausarbeiten.“

Bei einem der 50 000 bis 60 000 beteiligten Legionäre könnte es sich um den Soldaten Aurelis Vitalis gehandelt haben. Er gehörte der IV. Legion an, wie es in seinen Gedenkstein in Speyer gemeißelt ist. Abzulesen ist dort auch sein dramatisches Ende: Er fiel auf einer „Expeditione Germaniae“, einem Feldzug in Germanien. Ob er sein Leben in der Schlacht am Harzhorn verlor, bleibt unklar, ist aber nicht auszuschließen.

Die Pionieraxt der IV. Legion stammt von einem zweiten Grabungsareal, das noch unter Geheimhaltung steht – zum Schutz der Grundstückseigentümer und aus Furcht vor illegalen Raubgräbern. Nur soviel gibt Kreisarchäologin Petra Lönne preis: Das Gelände befindet sich in einem Umkreis von drei Kilometern zum bislang bekannten ersten Ausgrabungsfeld. Während das Fundspektrum am Harzhorn von römischen Distanzwaffen wie Katapult- und Pfeilspitzen geprägt ist, charakterisieren Nahkampfwaffen und römische Ausrüstungsteile die neuere Fundstelle. Die meisten Waffen sind verbogen oder eingekerbt – Hinweise auf heftige Nahkämpfe. Wie Petra Lönne gestern berichtete, konnten sie und das Grabungsteam bereits Angriffswellen nachvollziehen und anhand der Geschoss-Einschläge Standorte von Geschützen ausmachen. Der Anruf aus der Restaurierungswerkstatt, dass auf der Pionieraxt kryptische Zeichen aufgetaucht seien, traf sie dann aber wie der Schlag: „Die Aufregung ließ mich zittern.“

Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU) nannte den Fund der eiserenen Axt gestern „eine größere Sensation“. Diese soll von September 2013 an mit anderen Fundstücken in einer Sonderausstellung im Landesmuseum in Braunschweig zu bestaunen sein. Um sehenswerte Exponate müssen sich die Ausstellungsmacher bis dahin nicht sorgen, denn die Archäologen sind sich sicher: Es wird weitere außergewöhnliche Funde geben.

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