„Das gescheiterte Genie“:

Als die Römer noch einmal davonkamen

Kreiszeitung Syke
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Syke - Von Johannes Bruggaier. Unsere Politik, die Medizin, unser Theater oder auch die Philosophie: Es ist wohl kaum übertrieben, unsere gesamte kulturelle Identität als Ergebnis einer einzigen Schlacht zu verstehen.

Die Auseinandersetzung datiert auf das Jahr 202 v. Chr., es ging um nichts weniger als die Weltherrschaft. Hannibal Barkas hatte die Großmacht Rom herausgefordert, und nicht nur das: Er hatte sie bereits an den Rand einer Niederlage gebracht. Nun war sein römischer Gegenspieler Scipio seinerseits über Spanien bis in Hannibals afrikanische Heimat vorgerückt: Bei Zama sollte die Entscheidung fallen. Sie fiel zu Gunsten Roms.

Der amerikanische Historiker Robert Garland hat ein Buch über den Feldherrn Hannibal geschrieben. „Kurzbiografie“ nennt er das Werk, was ein wenig irreführend ist, weil über die Person Hannibal zu wenig Informationen vorliegen, als dass sie sich zu einem umfassenden Porträt verdichten ließen. Dabei lässt sich ihre enorme historische Relevanz einem Was-wäre-wenn-Spiel ablesen, das der Autor im Schlussteil seiner Abhandlung vornimmt.

Hätte also Hannibal die Schlacht bei Zama gewonnen, so hätte die griechische Kultur nicht ihren Aufstieg in der römischen Gesellschaft gefeiert. Dann wäre die aristotelische Logik, Grundlage des neuzeitlichen natur- wie geisteswissenschaftlichen Denkens, wohl nicht weitergetragen worden. Und dann hätten sich statt Französisch, Spanisch und Italienisch Dialekte der semitischen Sprachen in Europa verbreitet. Wir wissen nicht, ob es ein glücklicheres oder ein unglücklicheres Europa wäre. Ein anderes aber wäre es allemal.

So gehört es zu den Kuriositäten der Geschichtsrezeption, dass sich nicht die Schlacht von Zama im kollektiven Bewusstsein verankert hat, sondern ein zwar gleichfalls bedeutendes, aber eben nicht entscheidendes Ereignis: Hannibals Überquerung der Alpen. Elefanten auf den Almwiesen, diese Vorstellung hat von jeher Dichter, Maler und natürlich auch Hollywood beflügelt.

Als Auslöser dieses gigantischen Unternehmens beschreibt Garland eine Situation, die auf fatale Weise an den Versailler Vertrag im Jahr 1919 erinnert: ein unter immensen Reparationszahlungen dahinsiechendes Volk der Karthager, von den Römern im Ersten Punischen Krieg geschlagen und gedemütigt. Hannibal wuchs auf in einer geknechteten Gesellschaft, das Feindbild Rom immer vor Augen.

Der Funke, an dem sich der Brand entzünden sollte, hieß Sagunt und war eine iberische Stadt an der Küste des Mittelmeers. Im Einflussbereich Karthagos gelegen, war sie doch römischer Bündnispartner: eine Exklave mit entsprechend fragiler Sicherheitsstruktur.

Ein banaler Konflikt mit einem Nachbarstamm genügte Hannibal schließlich für die Eroberung 219 v. Chr. Ein Ärgernis für die römische Supermacht. Und dennoch: Spaniens Küste war von Rom weit weg, an einen Krieg auf dem italienischen Stiefel nicht im Traum zu denken.

Wie es zu dem schier unfassbaren Gewaltakt der Elefantenwanderung kommen konnte, erklärt Garland anschaulich anhand politischer wie auch psychologischer Faktoren. Politisch etwa sollte sich die Abneigung der Gallier auf ihre römischen Besatzer auswirken. „Schallendes Gelächter“ ernteten römische Gesandte, als sie bei ihren gallischen Untertanen um Unterstützung im Kampf gegen den Feind aus Afrika warben.

Aus psychologischer Sicht relevant sind raffinierte Ansprachen des Feldherrn an seine Soldaten, Motivationskünste, die durchaus an manche Finessen Alexanders denken lassen. So beruhigte er im Angesicht übermächtig scheinender römischer Legionen seinen ängstlichen Hauptmann Giskon: Sei die Zahl der Gegner auch noch so groß – kein einziger von ihnen trage den Namen Giskon.

Mit den Elefanten hatte es sich nach Überschreitung der Alpen auch schon weitgehend erledigt. Kaum eines der Tiere überlebte die Tour. Allein die Fahrt über die Rhone muss ein spektakuläres Bild abgegeben haben. Riesige Flöße wurden eigens mit Erde bedeckt, damit die Elefanten sich auf festem Boden wähnten. Viele gerieten dennoch in Panik, stürzten ins Wasser: Ganze fünf Tage dauerte die Prozedur.

Fünf Monate indes benötigten die Männer zur Alpenquerung insgesamt. Dann erst folgte der Abstieg. Im Jahr 218 v. Chr. stand der Mann, der eben noch im fernen Spanien ein paar Konflikte vom Zaun gebrochen hat, plötzlich mitten in der Po-Ebene – mit 26 000 Soldaten. Die Römer waren fassungslos.

Es ist ein überaus lesbarer Einstieg in den „Hannibal“-Mythos, den Garland hier auf gerade einmal rund 150 Seiten abliefert, überzeugend in Stil und Form, worin sich auch eine gelungene Übersetzerarbeit von Elisabeth Begemann zeigt. Wie es dem Autor gelingt, aus der unsicheren Quellenlage ein plastisches Bild des Zweiten Punischen Krieges sowie seines berühmtesten Protagonisten zu gewinnen, das ist erstaunlich und garantiert eine kenntnisreiche wie unterhaltsame Lektüre.

Den Tod fand Hannibal übrigens im heutigen Gebze (Türkei). Hier fühlte er sich vor seinen römischen Verfolgern sicher: Hatte ihm doch einmal ein Orakel beschieden, sein Grab „Libyssas Erde“ zu finden. Und was sollte das anderes bedeuten als den Boden seiner Heimat Libyen? Doch dann stand der Feind plötzlich vor der Tür, dem stolzen Krieger blieb nur der Suizid. „Libyssa“, so hieß Gebze im Altertum: eine fatale Namensähnlichkeit. Hannibal war sie gar nicht aufgefallen.

Robert Garland: „Hannibal – Das gescheiterte Genie“, Philipp von Zabern Verlag: Darmstadt 2012; 160 Seiten; 19,99 Euro.

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