Kenneth Kvarnström und die Helsinki Dance Company mit „XPSD“ beim Tanzfestival in Hannover

Rock, Ringe und Rotation

XPSD, exposed, aus-/bloßgestellt.

Von Jörg WoratHANNOVER (Eig. Ber.) · Spezieller Auftakt zu einem speziellen Festival: Bei „TANZtheater INTERNATIONAL“ zeigte die „Helsinki Dance Company“ in der Orangerie nicht nur die deutsche Erstaufführung des Stücks „XPSD“, sondern tags zuvor auch eine öffentliche Generalprobe.

Es ist eine typische Arbeit des finnischen Choreographen Kenneth Kvarnström, der lange auch in Schweden gewirkt hat. Kennzeichen sind vor allem ein großer Detailreichtum und ein ausgeprägter Sinn für Dynamik. Und wenngleich „XPSD“ (der Titel steht für „exposed“, also „ausgeliefert“) den sechs Tänzerinnen und Tänzer zweifellos eine Menge abverlangt, artet das Stück doch nie in unkontrollierte Wildheit aus.

Eine ebenso sinnliche wie kluge Performance. Mit der asymmetrischen Zusammensetzung des Ensembles aus vier Männern und zwei Frauen unterläuft Kvarnström alle drohenden Klischees der Paarthematik und bereitet den Boden für immer neue Konstellationen. Zugleich schlägt der Choreograph eine Brücke zwischen zeitgenössischen Tanzformen und der Tradition, wenn hier und da höfische Bewegungselemente auftauchen. Andeutungen in dieser Richtung finden sich zudem bei den ebenso klar geschnittenen wie raffinierten Kostümen von Erika Turunen.

Den Soundtrack für die packende, angenehm unaffektierte Vorstellung hat Jukka Rintamäki besorgt, der ursprünglich aus der Rockmusik kommt und für „XPSD“ treibende Passagen komponiert hat, die sehr ausführlich werden können. Es gibt aber, akustisch wie visuell, auch retardierende Momente, so dass Tänzer und Besucher gleichermaßen ein wenig verschnaufen können. Wenn zwischendurch einige große Metallringe auf dem Bühnenboden in Rotation versetzt werden, kommt so etwas wie Zeitlosigkeit ins Spiel.

Zugleich stehen die Ringe für den ewigen Kreislauf, und der Fluss der Ereignisse ist bei Kvarnström stets ein wichtiges Thema. Wenn seine Truppe so richtig ins Rollen gerät, nimmt das zuweilen nachgerade mitreißende Formen an. Ohne dass der Tanz in seiner Klarheit jemals oberflächlich würde – diese höchst disziplinierten Akteure können sogar den Bewegungen ihrer Finger Ausdruck verleihen.

Großartig. Übrigens bestätigt sich einmal mehr die alte Weisheit, dass in Hinblick auf ein Gelingen der Premiere möglichst etwas bei der Generalprobe schief laufen sollte – in diesem Fall verstummt zwischenzeitlich die Musikanlage. Selbst das hindert das Publikum nicht daran, am Ende enthusiastisch zu jubeln. Ganz zu schweigen von der überschäumenden Begeisterung bei der störungsfreien Premiere.

Das Festival dauert noch bis zum 11.9.. Heute tritt um 20 Uhr im Ballhof 1 „Jo Fabian Department“ mit dem Stück „Independent Swan. Eine WahnVorstellung“ auf. Karten gibt es unter Tel. 0511 / 168 412 22.

Nähere Informationen unter http://www.tanztheater-international.de.

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