Die „Rocky Horror Show“

Bis die Korsage platzt

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Komisch sind sie schon, die Gestalten im heruntergekommenen Schloss – zumindest aus Spießersicht.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Knöchelhoch türmt sich das Toilettenpapier, überall liegen Spielkarten herum, und das auf feuchten Lehnen und in Sesselritzen klebende Konfetti wird dem Reinigungsteam sicher noch viel Freude bereiten. Wenn die Zuschauer die ausdrückliche Genehmigung haben, den biederen Konzertsaal zu verwüsten, bedeutet dies für gewöhnlich eins: Die „Rocky Horror Show“ ist in der Stadt. Auch am Dienstagabend erfüllt das Publikum im Musical Theater Bremen die Erwartungen, genauso wie das herausragende Ensemble.

Allen voran natürlich Frank‘n‘Furter, der Vorzeigetransvestit. Jener Typ mit platinblondem Haar, der gekommen ist, um es dem Spießerpärchen Brad und Janet mal so richtig zu besorgen. Die Paraderolle des Briten Rob Fowler, der für gewöhnlich in High Heels, Strapse und Korsage über die Bühne stöckelt. An diesem Abend übernimmt die Zweitbesetzung Charles Brunton die Rolle, was sich zwar auf die Interpretation des Frank‘n‘Furter auswirkt, aber nicht unbedingt ein Nachteil ist. Wo Fowler mitunter sehr maskulin auftritt, gibt Brunton dem Transvestiten eine weiblichere Note und arbeitet die unterschwellige Verletzlichkeit sehr deutlich heraus. Frank‘n‘Furter ist hier nicht nur der extrovertierte Herrscher über die merkwürdigen Bewohner im heruntergekommen Schloss, sondern ständig auf der Suche, vordergründig nach manipulativen Sexualpartnern, die er sich zur Not auch selbst bastelt. Allerdings klappt dies bekanntermaßen nicht so wie gewollt, Rocky, das Objekt der Begierde, entwickelt seinen eigenen Kopf und amüsiert sich anderweitig.

All dies ist nichts Neues, und doch ist Burtons Transvestit anders, bei ihm nimmt der Getriebene, der eigentlich nur auf der Suche nach Liebe ist, deutlich mehr Raum ein. Eine Interpration, die sexuelle Offenheit, laszive Kleidung und Schminke als das offenbaren war sie eigentlich sind: eine mühsam aufgebaute Fassade.

Die allein aber nicht ausreicht, um Frank‘n‘Furter in den Augen der überaus kritischen Fans authentisch erscheinen zu lassen. Bei einem mit derart hohen Erwartungen belasteten Musical muss natürlich auch die gesangliche Seite stimmen. Und hier gibt es für Charles Brunton ebenfalls keinen Grund, sich hinter Fowler verstecken. Zwar ist seine Stimme mitunter nicht ganz so kraftvoll, dafür verfügt Brunton aber über großes Volumen, Ausdrucksstärke und einen sehr ausgeprägten Hang zur Rampensau. Eine Bühnenpräsenz, die er bis zum Letzten auskostet – oder bis die Nähte seiner Korsage platzen. Fast schon überheblich steht er auf der Bühne, fordert mit energischen Gesten mehr Beifall und Jubel vom Publikum. Ein Befehl, dem die Zuhörer auf den Rängen mehr als bereitwillig nachkommen – hier muss niemand mehr überzeugt werden, hier sitzen eingefleischte Fans des Klassikers, die sich auch in Sachen Dresscode von ihrem Vorbild inspirieren lassen. Egal, ob die eigene Figur dies hergeben mag oder nicht.

Mehr Probleme mit den auf Begeisterung gepolten Massen hat Erzähler Sky du Mont. Zunächst mit überschwänglichem Beifall begrüßt, finden die Zuschauer schnell in ihre seit Jahrzehnten festgelegte Rolle und beschimpfen den Schauspieler, was das Zeug hält. Unverschämtheiten, mit denen du Mont nach eigenen Angaben zunächst so seine Probleme hatte. Mittlerweile hat aber auch er, immerhin war du Mont schon 2012 mit der „Rock Horror Show“ auf Tour, das Konzept verinnerlicht und spult seinen Part fast schon ein bisschen zu routiniert runter. Dennoch scheint ihm die Rolle wie auf den Leib geschrieben, wie er mit einer Hand in der Hosentasche auf unvergleichlich arrogante Art durch die Handlung führt – „Boring“-Rufe geflissentlich ignorierend. Allerdings bleibt er nicht durchgängig in dieser Rolle, ab und an hält er dem Bremer Publikum den Spiegel vor, dass die Beleidigungen frenetisch feiert. All das gehört schließlich zur Show, ist Teil des Systems Rocky Horror, das sich nur noch am Rande mit der Abkehr von vorherrschenden Moralvorstellungen beschäftigt. Eben jenem Aspekt, der damals bei den ersten Aufführungen im Jahr 1973 für Aufsehen sorgte, heute aber nur als Kostümierung für einen Musicalbesuch taugt.

Hat die „Rocky Horror Show“ sich mittlerweile also selbst überholt und wird den eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht? Ja und nein. Sicher, Transvestiten, Korsagen und Strapse sorgen heute nur noch in konservativen Kreisen für Entrüstung. Der Wunsch geliebt zu werden, ist jedoch nach wie vor aktuell. Genauso wie das Gefühl mancher, nur akzeptiert zu werden, wenn sie sich eine Maske zulegen. Schwere Themen, die angesichts von Konfetti, Wasserspritzpistolen und Rasseln nur zu leicht in den Hintergrund geraten. Und auch wenn das Ensemble in Bremen nur Spaß im Sinn zu haben scheint, sorgt es doch dafür, dass diese Aspekte an diesem unterhaltsamen Abend nie wirklich fern sind – man muss einfach nur genau hinsehen.

Die „Rocky Horror Show“ gastiert noch bis Sonntag im Musical Theater Bremen. Die Vorstellungen beginnen jeweils um 20 Uhr, Samstag und Sonntag zusätzlich um 15 Uhr.

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