„KunstFestSpiele Herrenhausen“

Genialischer Theaterkracher

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Ganz in Weiß: Theaterlegend Robert Wilson

Hannover - Von Jörg Worat. Die „KunstFestSpiele Herrenhausen“ sind eröffnet, und zum Auftakt gab‘s einen richtigen Kracher. Streckenweise auch im wahrsten Sinne des Wortes. Festivalintendant Ingo Metzmacher ist es gelungen, mit Robert Wilson eine Theaterlegende zu verpflichten – der mittlerweile 76-jährige US-Amerikaner hat die Bühnenkunst der Moderne entscheidend beeinflusst. In der Herrenhäuser Orangerie trug er die „Lecture on Nothing“ von John Cage vor.

Mit weiß geschminktem Gesicht und weißer Kleidung wartet Wilson in einem überwiegend weißen Bühnenbild stoisch auf die einströmenden Besucher. Als alle ihren Platz gefunden haben, gibt es eine Art Vorspiel: Ein förmlich gekleideter Mann blickt von hoch oben durch ein Okular in die Runde, derweil aus den Lautsprechern infernalisch lauter Lärm dringt. Quälend lang, das alles, nervtötend und überflüssig.

Sobald Wilson die Bühne für sich hat, wird es gleich erheblich spannender. Wobei es hilfreich ist, sich schon einmal mit John Cage und vor allem mit dessen Interesse für den Zen-Buddhismus beschäftigt zu haben. Denn immer wieder kommt zum Vorschein, dass die Dinge nichts bedeuten, sondern sind – wer eine „Vorlesung über Nichts“ schreibt, hält das Wort als solches wohl nur sehr bedingt für ein taugliches Mittel der Erklärung. Dazu passt, dass der Bühnenboden mit zerknülltem Papier bedeckt ist und im Hintergrund Banner mit Satzfetzen hängen, die kuriose Zusammenhänge bilden: „Somebody asked no questions“ ist da unter anderem zu lesen.

So handelt der Text denn auch oft genug davon, an welcher Stelle des Textes wir uns gerade befinden, ist allerdings durchmischt mit überraschenden Anekdoten: Terzen, lässt uns Cage etwa wissen, habe er nie gemocht und deswegen auch keinen Brahms. Oder wir lernen den Blick eines New Yorkers auf Kansas und Arizona kennen.

Irgendwann gerät die Vorlesung endgültig in eine Schleife: Es gehe nirgendwohin, heißt es ebenso beharrlich wie zutreffend, und wenn jemand schläfrig sei, solle man ihn schlafen lassen. Wilson versteht das als Aufforderung und legt sich ins bereitgestellte Bett, während Cage selbst in einer Filmeinspielung die Sprecherrolle übernimmt. Dann ist wieder Wilson an der Reihe, und nun, gegen Ende, wird es im klassischen Sinne theatral, denn immer dieselben Worte erklingen in immer neuer Sprachhaltung und wirken dadurch ganz unterschiedlich: Hier gibt sich Wilson jovial, da verschmitzt, dort schlägt er einen Kasernenhof-Ton an. Doch, dieser komplette Schlussteil hat genialische Züge. Und lässt bis zu einem gewissen Grad vergessen, wie anstrengend der Abend nicht zuletzt durch die subtropischen Temperaturen in der Orangerie ist. Verständlich, dass der Schlussbeifall etwas erschöpft klingt.

Die diesjährigen „KunstFestSpiele“ dauern bis zum 3. Juni und bieten die bewährte Metzmacher-Mischung. Es gibt ein sehr großes Konzert (das „Requiem“ von Hector Berlioz mit zwei Orchestern und neun Chören am 27. Mai im Kuppelsaal) und ein sehr langes (die vollständigen „Tenebrae Responsoria“ von Carlo Gesualdo mit dem belgischen Vokalensemble „graindelavoix“ am 26. Mai in der Marktkirche), womit zugleich zwei Beispiele dafür genannt wären, wie das Festival auch ins Stadtgebiet jenseits von Herrenhausen getragen werden soll.

Und neben den Konzerten haben Performance, Tanz, Film und Ausstellung ihren Platz im Programm, das unter kunstfestspiele.de einzusehen ist.

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