Guillotine aus dem Drucker

Robert Packeiser zeigt Einblicke in sein Playmobil-Universum

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Sieht aus wie Hannover: „Man spielt eben das nach, was man kennt“, sagt Robert Packeiser.

Hannover - Von Jörg Worat. Da ist Martin Luther und hält eine Schriftrolle mit den berühmten Thesen in der Hand. Unweit davon tut sich ein riesiges Märchenpanorama auf, in dem allein Aschenputtel dreimal vertreten ist. Und wieder ein paar Ecken weiter stehen die Mitglieder der Kommune 1 nackt an der Wand. Wo man derart unterschiedliche Welten auf engstem Raum vereint finden kann? In einem hannoverschen Hinterhof-Gebäude: Dort nämlich hat Robert Packeiser sein ganz eigenes Universum geschaffen – aus Playmobil-Figuren. Und zumindest einen Teil davon kann man ab dem 21. August im Historischen Museum sehen, vereint mit rund 70 Exponaten aus der hauseigenen Sammlung.

„Ich kenne das Museum sehr gut“, sagt Packeiser, „und habe eine Zusammenarbeit vorschlagen, weil ich mir vorstellen konnte, dass sich unsere Schwerpunkte ergänzen.“ Der 46-Jährige rannte damit offene Türen ein: „Es kam schnell zu einem wechselseitigen Austausch“, beschreibt es Ausstellungskurator Dr. Jan Willem Huntebrinker. „Wir haben Dioramen ausgesucht, die wir thematisch gut mit eigenen Ausstellungsstücken kombinieren konnten, und von unserer Seite auch Anregungen für die Gestaltung der Spielzeugwelten gegeben.“

Die wiederum dankbar aufgegriffen wurden, denn obwohl Robert Packeiser so ziemlich alles – „Ich schätze, mindestens 98 Prozent“ – von dem besitzt, was Playmobil jemals herausgebracht hat, ist er keineswegs nur ein Sammler. Der Lehrer für Kunst und Geschichte nutzt das Spielzeug vielmehr als Grundstock für eigene Fantasien, in denen er wesentliche Elemente seiner beiden Unterrichtsfächer zusammenführen kann.

„Wir sehen Luther, die meistverkaufte Sonderfigur von Playmobil“, nennt Packeiser ein Beispiel. „Aber wo ist der Ablasshandel? Wo sind die Bauernkriege?“ Und wenn der Hersteller entsprechende Sets nicht anbietet, stellt Packeiser sie eben her. Mit Um- und Eigenbauten.

Eines der sechs im Historischen Museum vertretenen Dioramen behandelt „Die Stadt im Mittelalter“, und unter den Händen des fachkundigen Bastlers entstehen durch originelle Kombinationen völlig neue Bauwerke: „Von Playmobil gibt es vielleicht zehn mittelalterliche Häuser. Ich habe aber 40.“ Packeiser leuchtet auch nicht ein, weshalb die dunklen Seiten dieser Epoche ausgeblendet werden sollen. Also funktioniert er eine Figur mittels Gesichtsmaske zum Pestdoktor um und flicht kleine Skelette aufs Rad.

Wenn es um den Themenkomplex „Die moderne Stadt“ geht, hat Packeiser ebenfalls seine eigenen Ideen. Da verziert er die Gebäude im Bedarfsfall selbst mit Graffiti oder lässt die Hausbesetzer-Szene aufmarschieren. „Die Abrissbirne gehört auch dazu“, sagt er und holt aus einem hinteren Winkel ein in gewisser Hinsicht besonders skurriles Spielzeug hervor: „Es ist natürlich reiner Zufall, aber diesen Polizei-Wasserwerfer hat Playmobil genau zum Zeitpunkt der G-20-Krawalle auf den Markt gebracht.“

Die Ausstellung bietet auch Spielstationen, in denen sich Besucher aller Altersstufen selbst betätigen können, und sie soll nicht zuletzt die Geschichte von Packeisers Sammlung zeigen. So ist seine allererste Playmobil-Figur zu sehen, eine Frau mit Staubsauger und anderen Reinigungsutensilien, die er 1975 bekam und mit der er nicht nur nostalgische Gefühle verbindet, sondern auch eine Philosophie: „Meine Mutter hat mir damals gesagt, ich dürfe mir etwas von Playmobil aussuchen. Als ich mich für diese Figur entschied, soll ich das mit ,Die ist so wie du‘ begründet haben. Man spielt eben das nach, was man kennt.“ In Sachen Spielzeug war der Junge fortan für alle anderen Hersteller verloren: „Ich habe mir nie etwas anderes gewünscht und nie etwas anderes bekommen.“ Packeiser Junior glaubte sich dabei im Vorteil gegenüber den älteren Geschwistern: „Der eine hatte eine Ritterburg, der andere Cowboys, die Schwester ein Puppenhaus. Bei Playmobil hatte ich das alles – und noch viel mehr.“

Es ist recht eng im Hinterhof-Reich des Bastlers, und man muss schon mal aufpassen, nicht im Vorbeigehen die Guillotine im Panorama der Französischen Revolution zu streifen, die übrigens aus dem 3-D-Drucker stammt, oder auf eine heruntergefallene Miniatur-Schlange zu treten. Packeisers Herzenswunsch ist es denn auch, seine Sammlung in angemessenem Rahmen dauerhaft präsentieren zu können: „Ich glaube, dass meine historischen Playmobil-Verdichtungen ein breites Publikum ansprechen können.“

An Ideen für weitere Dioramen herrscht kein Mangel. So möchte Packeiser, der zuweilen nachgestellte Motive aus klassischen Kunstwerken in seine Szenerien schmuggelt, gern etwas zu Hannovers Ehrenbürgerin Niki de Saint Phalle machen: „Eine Niki habe ich schon“, sagt er und holt die Figur einer kleinen Malerin hervor, „jetzt brauche ich nur noch eine Nana.“ Etwas aufwendiger dürfte sich wohl die geplante Nachkriegs-Welt gestalten, aber auch das wird schon klappen: „Da muss ich eben aus einigen Häusern Ruinen machen, der Jeep aus der Safari-Welt wird zum Militär-Fahrzeug und das Käppi der Pommes-Verkäuferin zum Uniform-Schiffchen.“

Vom 21. August bis zum 24. Februar 2019, Historisches Museum Hannover

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