„Poesia“: Sammlung Reinking in der Städtischen Galerie Delmenhorst als Korrespondenz zwischen Kult und Kunst

Ritueller Akt trifft Ästhetik

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Bemerkenswerte Konstellation: (v.l.) Ein Iatmul-Schädel, Wolfgang Pettricks „Kopf“, Douglas Gordons „Signature“, Jimmie Durhams „The Road Not Taken“ und eine Stahl-Plastik von Miroslav Balka (vorn) begegnen sich in Delmenhorst. ·

Von Rainer BeßlingDELMENHORST · Ein monumentales Auge empfängt den Besucher. Der offensive Auftakt mit Douglas Gordons Fotografie ist Programm: Die Ausstellung „Poesia“ in der Städtischen Galerie Delmenhorst legt es auf aktives Sehen an. Sie fordert eine Wahrnehmung ein, die den Exponaten in ihrer Korrespondenz zu unmittelbarer Wirkung verhilft.

Jonathan Borofskys großformatiger Siebdruck „Subway Dream“ macht dieses Wechselspiel sinnfällig. In tiefem Schwarz spiegelt er den Besucher und den Raum wider. Erst aus der Nähe wird Text in Glanzbuchstaben erkennbar, von einer flackernden Glühbirne mit Unterbrechungen ausgeleuchtet. Buchstabe für Buchstabe liest sich der Betrachter in die untergründige „Traum“-Geschichte ein.

Im Treppenhaus will Günter Weselers „Atemobjekt“ am Boden in einer Nische erst entdeckt werden. In der plötzlichen Begegnung umso eindrücklicher vermittelt sich die organisch anmutende, mechanisch angetriebene Bewegung eines Kaninchenfells im Schraubzwingengriff zweier Steinblöcke. Räumlich nicht weit entfernt und in der Körperlichkeit verwandt, steht aufgesockelt ein Schamanentäschchen, aus dem Fell eines Präriehundes gefertigt. Zeremonielles Utensil und Kunstwerk begegnen sich. Ein bemerkenswerter Energieaustausch wird spürbar, befördert durch Michael Schmeichels soghaftes Gemälde „THRON“, in dem schemenhaft Menschenschädel und Käfig in einem verschleierten, schwebenden Interieur liegen.

Mit Stücken aus der Sammlung Rik Reinking inszeniert Delmenhorsts Galerie-Leiterin Annett Reckert eine doppelte Premiere: Erstmals stellt ihr Haus Artefakte und Kunstwerke gegenüber, und auch für den Hamburger Sammler ist diese Konstellation seiner Bestände neu. Dabei scheint sich gerade in ihr das Profil der Kollektion am besten widerzuspiegeln. Reinking wird gern als Youngster unter den einflussreichen Sammlern geführt. Wer nun vermutet, dass der „Jüngste“ auch die neueste zeitgenössische Kunst sammeln würde, liegt falsch. Sein Interesse richtet sich auf verschiedene Epochen und Kontinente und schließt Kultgegenstände ein. Im Zentrum stehen archaische und existenzielle Motive: der Körper, der Lebensraum, die Zeit, Selbstbefragung und Schmerzerfahrung als Inhalt ritueller Handlungen und als Impuls ästhetischer Produktion.

Die Themen dienen als Motti einzelner Ausstellungsräume. Eindrucksvoll gerät der engere Fokus auf den „Körper“. Ein Metallobjekt Miroslav Balkas, stofflich schwer, gedanklich fragil, ist nach den Körpermaßen des Künstlers gefertigt. Ein Bild von Wolfgang Petrick zeigt einen Kopf in verwischenden, verzerrenden Farbhieben: Bewegung als Zeitmoment und als Empfindungsqualität verwirbeln. Douglas Gordons Gebiss-Abdruck in einem Kissen und Dieter Appelts Fotografie eines Mannes in einem Erdloch in einer schneebedeckten Waldlandschaft komplettieren die prekäre Präsenz des Physischen. Mit Jimmie Durhams „The Road Not Taken“ tritt die Arbeit eines Künstlers hinzu, dessen Werk per se durch die Verknüpfung von Ritus und Kunst geprägt ist. Ein Iatmul-Schädel, mit dem der Verstorbene seinen Platz in der Dorfgemeinschaft behält, und ein Dinka-Korsett, das die stufenweise soziale Eingliederung Heranwachsender nachzeichnet, schlagen die Brücke zum Körper-Kult. Den Körper als Modelliermasse, das Individuum als Ergebnis sozialer Zuschreibungen thematisiert ein Raum mit demaskierenden Bildern von Modemacht, Labels und Laufsteg-Kultur.

Mal fällt in dieser eindringlichen Schau das inhaltliche Netzwerk grobmaschiger, mal dichter geknüpft aus. Zitate von Marcel Proust bilden teils deutliche Klammern, bisweilen begleiten sie den Ausstellungsparcours als assoziative Impulse. Das Thema „Zeit“ faltet sich zu einem breiten Spektrum auf. Albert Hiens Objekt „Von der Erfindung der Zeit“ mutet wie ein historisches Chronometer an, ein ungelenkes Relikt aus der Vorzeit eines von Minuten- und Stundenmaß getakteten Lebens. Zeit erscheint aber auch als musikalischer Grundparameter, so in Hanne Darbovens Soundinstallation und Partituren-Feld „Opus 26“. Zum ostinaten, seriellen Charakter der Arbeit fügen sich Tanzkostüm und Kopfschmuck aus Neu Guinea. Im Raum der Schmerzerfahrung wirken die Motive Nagel und Pfeile als Bindeglieder zwischen Günther Ueckers Papierarbeit mit Durchstoßungen und einer Skulptur des Hl. Sebastian eher plakativ. Ansonsten verzichtet die Schau angenehmerweise auf allzu deutliche Fingerzeige.

Eine eher offene Konstellation bietet im Obergeschoss ein Raum, der sich unter dem Thema „Landschaft“ subsumieren ließe: verborgene, verschleierte Landschaft in Toshiya Kobayashis „Landscape in the Mist“, vergangene Naturerfahrung in Robert Fillious „The Dish Empty of Water Is What Remains of a Snowball“ oder geschichtliche Landschaft in Walter de Marias „Dolmen“. In de Marias Arbeit wirkt die winzige Abbildung eines prähistorischen Steinbauwerks mit riesigem weißem Umraum wie eine Keimzelle der Land-Art. Querverweise und Längsschnitte zwischen Kunstepochen und Genres finden sich in „Poesia“ reichlich, vor allem auch in humorvoller Verknüpfung. Mit einer Arbeit von Carl André offenbart Reinking seine frühe Sympathie für den Minimalismus. Allerdings ist hier keine der geläufigen Bodenarbeiten zu sehen, sondern ein frühes Blatt mit dem Wort „fuck“ in Feldformation. Zum Fliesenrechteck fügen sich hingegen mit rotem Lippenstift gefärbte Wachsplatten von Rachel Lachowicz – eine hintergründige Hommage.

In der Remise erwartet den Besucher abschließend ein verdichtetes Kammerspiel. Zwischen Mark Jenkins‘ hockender Figur „Embed“ und Curt Stenverts „Die 3. menschliche Situation“ platziert, schaut der Besucher auf Peter Lands „Minority Complex“. Das Ensemble weckt Empfindungen des Randständigen, Bedrohlichen und Abgründigen. Witz federt das Bedrängende ab. Nicht weit entfernt fängt Baldur Burwitz physischen Horror makaber mit einem von Fliegen übersäten Kopf ein. Zum Abschluss zeigt sich Urban Art in direktem Austausch mit Decollagisten. Kunst erwächst stets aus Kunst, legt das Arrangement nahe. Urban Art sieht Reinking als erste Bewegung nach Fluxus, die es schaffte, globale Bedeutung zu erlangen. Ihre Protagonisten drängen jetzt aus dem öffentlichen Raum in Museen.

Mit ihrem durch Intensität, Auswahl und Arrangement überzeugenden Porträt einer Sammlung, die um eine ursprüngliche Kraft von Kunst kreist, setzt Annett Reckert einen bemerkenswerten kuratorischen Kurs abseits der Kunstmetropolen fort.

Städtische Galerie Delmenhorst, noch bis zum 9. Juni.

Di-Do 11-17 Uhr, Do 11-20 Uhr. Eintritt: 4 Euro.

Katalog in Vorbereitung.

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