Tschechischer Regisseur befreit in Hamburg Goethes „Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand“ aus der Nazi-Falle

Ritter gescheitert, Stück gerettet

Heute trifft gestern: Adelbert von Weislingen (Lukas Holzhausen) im Gespräch mit Götz von Berlichingen (Markus John).

Von Johannes BruggaierHAMBURG (Eig. Ber.) · Wer über Götz von Berlichingen spricht, landet irgendwann bei Heinrich George, dem großen Schauspieler der dreißiger Jahre. Götz von Berlichingen, das ist immer noch der Kraftprotz der Nazi-Zeit, die Mensch gewordene deutsche Eiche, sturmfest und erdverwachsen.

Womit erklärt wäre, weshalb von ihm über all die Jahre hinweg so wenig zu hören war. Mit deutschen Eichen nämlich hat sich das Theater nach Ende des Zweiten Weltkriegs schwer getan, und wo immer sich ein Intendant traute, Goethes Verfechter von Treue und Verlässlichkeit auf die Bühne zu stellen, dröhnte im Bewusstsein des Publikums die NS-Propaganda mit.

Das Hamburger Schauspielhaus hat in Dušan David Parizek einen tschechischen Regisseur mit der Rettung des deutschen Problemstücks beauftragt. Es ist nicht die erste Bestellung dieser Art. Vor vier Jahren hatte Parizek seine Tetralogie der deutschen Klassiker mit Kleists lange verschmähter „Hermannsschlacht“ eröffnet – und war gescheitert.

Weil auch die folgenden Produktionen „Kabale und Liebe“ sowie „Dantons Tod“ nicht überzeugten, verheißt der Blick aufs Bühnenbild der aktuellen „Götz“-Inszenierung zunächst nichts Gutes. Wieder steht da die wohlbekannte Holzwand: ein senkrecht aufgestellter Parkettboden, der für Parizek offenbar auf Schiller ebenso passt wie auf Büchner und auf Goethe sowieso. Zwölf Stühle befinden sich davor, auf ihnen hat das komplette Bühnenpersonal Platz genommen.

Der Mann in der Mitte (Markus John) heißt Götz von Berlichingen. Ein Sechzigjähriger in grauem Anzug mit Bauchansatz, roter Krawatte, gegeltem Haar und einer Brille der Marke Kassengestell. Und wie er da so sitzt, bleibt kein Zweifel: Das ist er, der Götz des 21. Jahrhunderts. Spießbürger und steht dazu. Stammtisch statt Internet. Die Jugend von heute: verweichlicht. Er selbst: der letzte echte Mann.

Sein Gefangener, Adelbert von Weislingen (Lukas Holzhausen), ist zugleich sein Jugendfreund und doch ein ganz anderer Schlag. Jeans statt Anzug, lange Haare, Strickpullover. Und dann hat er sich auch noch auf die Seite des Feindes geschlagen. Macht alles nichts, weil er doch der alte Kumpel ist: Der tut nur so, ist eigentlich ein feiner Kerl, tugendhaft und geradlinig wie Götz selbst. Weshalb dieser ihn nach der Versöhnung kurzerhand freilässt.

Götz und Adelbert, das ist bei Parizek der Zusammenprall der Systeme. Hier der wertebewusste Bürger, dort der anpassungsfähige Karrierist. Hier der Konservative, dort der Progressive. Hier Helmut Kohl, dort Joschka Fischer. Und weil der eine den anderen nicht verstehen kann, gibt es ein trügerisches Einverständnis. „Götz!“, ruft Adelbert bei seiner Freilassung dankbar aus: „Du hast mich mir selbst wiedergegeben!“ Und der Wohltäter, sein Jugendfreund, nickt verständig. Tatsächlich aber bedeutet „mir selbst“ für den einen die Rückgewinnung seiner Souveränität – für den anderen aber die Rückgewinnung des jugendlichen Freundschaftsbunds. Dass Weislingen nach der Freilassung wieder mit dem verhassten Bischof von Bamberg (Michael Prelle) paktiert: Für Götz ist das blanker Verrat.

Der Ritter mit seinem Glauben an Treue und Schwüre muss erkennen, dass er ein Mann von gestern ist, einer der sich im Relativismus der Moderne nicht mehr zurechtfindet. Die Welt ist aus den Fugen geraten. Eide zählen nicht mehr. Treue ist kaum noch etwas wert. Und Frauen sagen ihre Meinung. Götzens Schwester Maria etwa (Julia Nachtmann): Sie will sich einfach nicht verheiraten lassen, schon gar nicht  – wie spießig – von ihrem Bruder. Oder seine Ehefrau Elisabeth (Hedi Kriegeskotte). Die schleudert dem Hauptmann der kaiserlichen Truppen frech entgegen, er möge sie „am Arsch lecken“. Während Götz, dem dieser Ausspruch doch eigentlich zugedacht war, bloß ein verschämtes „genau!“ murmelt.

Es ist ein lächerlicher Held, der da den Tugendverlust der Gesellschaft beklagt. Es ist aber zugleich auch ein rührender Held. Denn sein Drang, Ideale zu bewahren und eine längst überholte Ordnung wiederherzustellen, findet in der Interpretation von Markus John eine schlüssige Begründung: Dieser Götz ist ein beschädigtes Individuum, ein Invalide, der den Einsatz für höhere Werte einst mit dem Verlust seiner rechten Hand bezahlen musste. Und der jetzt verbittert erkennt, wie wenig eben diese Werte plötzlich zählen.

Dass Dušan David Parizek diesen tragischen Aspekt berücksichtigt und damit auf grundsätzliche Verlustängste in Zeiten gesellschaftlicher Umwälzungen verweist, kennzeichnet die Qualität seiner Inszenierung. Verlusterfahrung in Folge von Veränderungen wird hier als immer wiederkehrende Tragödie sichtbar: als eine Tragödie der Menschheit, vor allem aber auch als eine Tragödie der deutschen Geschichte. Und die Holzvertäfelung? Diese Kulisse muffiger Beamtenstuben der Fünfziger Jahre? Im „Götz von Berlichingen“ spiegelt sie das Bemühen des Protagonisten, die gute deutsche Ordnung zu bewahren. So lange, bis sie donnernd zu Boden fällt.

Der edle Ritter Götz ist in Hamburg auf ganzer Linie gescheitert. Sein Drama aber, das so lange keine Bühne mehr gesehen hat, ist gerettet.

Weitere Vorstellungen: am 27. November sowie am 6. und 16. Dezember, 20 Uhr.

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