Tingvall-Trio in der Bremer Glocke

Ritt auf der Genre-Welle

Vertrautes Miteinander: das Tingvall-Trio. ·
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Vertrautes Miteinander: das Tingvall-Trio. ·

Bremen - Von Tim SchomackerIn den vergangenen Jahren ist das Revival eines klassischen Jazzformats zu beobachten: die Wiedergeburt des Klaviertrios aus dem Geist der Popmusik.

Sehr rasch verlassen junge Formationen Jazzkeller und Winzlabel, reüssieren bei großen Plattenfirmen und auf nicht minder großen Bühnen – und finden ihr Publikum. Mit vier Tonträgern (in fünf Jahren und unveränderter Besetzung) hat sich das Trio um den schwedischen Pianisten Martin Tingvall einen soliden Korpus an Kompositionen erarbeitet.

Dass der große Saal der Bremer Glocke am Donnerstagabend gut gefüllt war, lag nicht allein an der Bremer Herkunft des Schlagzeugers Jürgen Spiegel. Die internationale Formation mit Wahlheimat Hamburg hat sich gut positioniert im Kampf um die legitime Nachfolge des Esbjörn Svensson Trios – deren Erfolg man schon daran ablesen kann, dass es irgendwann nur noch als E.S.T. firmierte.

Anders als in der etwas älteren Generation, für die vielleicht am ehesten der New Yorker Pianist Uri Caine steht, geht es heute weniger um die intensive Auseinandersetzung mit verschiedenen Genretraditionen von Jelly Roll Morton über Thelonius Monk bis Paul Bley. Zeitgenössische Installationen der Schlagzeug-Kontrabass-Klavier-Einheit sind eher zu einem Amalgam aus Pop und Jazz geworden, sind weggerückt vom reinen Jazzformat. Weggerückt auch vom akustischen Ineinanderfließen der Instrumente. Das Tingvall Trio spielt ausschließlich Kompositionen seines Namensgebers. Die musikalischen Herkünfte seiner Mitstreiter scheinen aufzuscheinen.

Mit handgeklopftem Schlagzeugeinstieg, federndem Bassolo zu Beginn und Akkordfolgen in höheren Lagen erinnert das latin-orientierte „Mustasch“ ein wenig an Gonzalo Rubalcaba. Oder daran, dass der Bassist Oma Rodriguez Calvo aus Kuba stammt? Bei „Hajskraj“ vermengen sich Latinanklänge mit rockigen Schlagzeugpassagen. Dieses hübsche Stück Hochleistungsmusik, bei dem Calvo zwischen bogengestrichenen Glissandopassagen und klaren gezupften Linien wechselt, wird von „Grrr“ abgelöst, einem eher am klassischen Repertoire orientierten Stück mit swingender Rhythmusgruppe.

Viele von Tingvalls Stücken folgen einer Crescendo-Dramaturgie, haben etwas Hymnisches an sich. Besonders deutlich im Titelsong der letzten Platte: Aus einer simplen Fünf-Ton-Folge erhebt sich in „Vägen“ eine immer dichtere melodiöse Struktur. Calvos Bassspiel ist klar und elegant-dezidiert, Spiegel akzentuiert immer wieder melodische Figuren mit Beckenabschlägen. Mehrmals verlegt er die Snaredrum-Figuren seiner linken Hand auf ein kleines Rack mit Winzzimbel und allerlei Hölzern. Was oft zu klanglich interessanten Effekten führt, ohne die rhythmische Struktur zu vernachlässigen. Gleichwohl würde man dem Tingvall-Trio manchmal wünschen, sie würden ihre Vertrautheit miteinander und mit den jeweiligen Instrumenten öfter dazu nutzen, nicht alles dauerhaft auszustellen, was sie so können. Ein wenig Verzicht auf Fülle, ein wenig brüchigere Ruppigkeit, ein wenig weniger Cinemascope würde den Arrangements von Tingvalls Kompositionen vielleicht gut tun. Auch wenn man – gewissermaßen abseits des geradlinigen „Vägen“ – auch mal nicht den großen Glocken-Sall gefüllt bekommt.

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