Shakespeare Company blickt auf Zeit nach Merkel

„Angela I.“: Richten kann’s nur die Monarchie

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Vor dem Zorn gibt es kein Entrinnen, erst recht nicht für Politiker.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Nun sitzt sie ganz alleine da, an langer Tafel mit weißem Tischtuch. Und das, obwohl sie doch alle eingeladen hat: die Reichsbürger, Horst Seehofer, die Schreiberlinge von der „Bild“ und nicht zu vergessen den Quotentürken Mesut Özil. Nicht mal Christian Lindner hat den Weg in den Keller des Bundestags gefunden – und der ist doch nun bei jeder Party dabei. Auch um die Königin Europas wird es am Ende einsam, erst recht, wenn sie Angela Merkel heißt.

Was bleibt nach knapp anderthalb Jahrzehnten mit Kanzlerin Merkel? Was hat diese Ära mit dem Land, seinen Menschen und vor allem der Demokratie gemacht? Und was kommt danach? Fragen, die sich nicht nur die CDU stellt, sondern auch die Bremer Shakespeare Company. Dort feierte am Donnerstagabend „Angela I.“ Uraufführung und wirft nach shakespeareschem Vorbild einen Blick auf die „ewige Kanzlerin“.

Allerdings erst im Nachgang, denn Merkel hat in Katja Hensels Stück die Brocken längst hingeworfen – und ein Land im Chaos hinterlassen. Politikverdrossenheit, wohin man auch blickt. Lügen, Gewalt und Hetze beherrschen längst nicht mehr nur den politischen Diskurs. Deutschland, wie wir es kennen, hat sich abgeschafft – und auch der Bundesadler ist längst davongeflogen. Wie die Raben im Tower of London hat der mächtige Vogel Jahrzehnte lang über das herrschende System gewacht, seine Flucht ist ein sicheres Zeichen, dass nun wirklich nichts mehr zu retten ist.

Harte Zeiten also, nicht nur für die hinter einer großen Puzzlewand (Bühne: Ayse Üzel) herum geisternde Ex-Kanzlerin, sondern auch für ihre Erben. Ohne die auch in Bremen Raute und Blazer tragende und sehr farblose Frontfrau, der man alles Schlechte so gut in die Schuhe schieben kann, sind sie den Pudding werfenden Wutbürgern hilflos ausgeliefert. Unfähig, mehr zu produzieren als schon allzu oft bemühte Phrasen, können sie das Unheil nicht mehr aufhalten. Klar, dass Selbstzweifel da nicht lange auf sich warten lassen, was in Shylock-Monolog und Freitod in gloucesterscher Marnie mündet.

Vom einstigen Glanz bleiben am Ende nur noch Nebel und Trümmer übrig.

Dies ist aber nur einer der zahlreichen Erzählstränge, die Regisseur Stefan Otteni in gut zweieinhalb Stunden unter einen Hut bringen muss. Er tut dies in schnell aufeinander folgenden Bildern, die von einem Ort des Geschehens zum nächsten springen. Denn Hensel will mehr als nur die Nachwehen der Ära Merkel sezieren, ein bisschen Gesellschaftskritik muss auch noch sein. So springt die Handlung dann zwischen Chauffeur und Stylistin, die reimend das große Glück suchen, einer Praktikantin und ihrem Chef, dem alternden Archivar des Bundestags sowie vom Konsum geprägten Kindern hin und her. Dass die auf neongelben Bobbycars über die Bühne rollenden lieben Kleinen darüber hinaus die gelben Westen der Protestler in Frankreich tragen, ist indes eine weitere Ebene, die in diesen Abend gequetscht wurde.

Zugegeben, davon hätte man gerne noch mehr gesehen. Dennoch ist diese geballte Themenflut oft arg chaotisch, und kratzt bestenfalls an der Oberfläche. Dass es dann doch ein anregender Abend wird, hängt vor allem am sechsköpfigen Ensemble, das über die Schwächen der Textvorlage hinweg hilft. Allen voran Michael Meyer, der es nicht nur versteht, mehr als eine Raute-zeigende Pappfigur zu sein, sondern auch Loki Schmidt fabelhaft verkörpert. Ja, Sie haben richtig gelesen, die Frau des beliebtesten Kanzlers aller Deutschen ist ebenfalls mit von der Partie. Denn, obwohl Hensel vorab zu Protokoll gegeben hatte, durchaus wohlwollend mit Merkel umzuspringen, sieht sich die Kanzlerin mit einem Hexen-Trio à la Macbeth konfrontiert. Während die einst mächtigste Frau im Staat noch darüber sinniert, warum denn keiner zu ihrem Streitgespräch gekommen ist, rechnen Schmidt, Doris Schröder-Köpf und Hannelore Kohl mit ihrem viel zitierten „Wir schaffen das“-Satz ab und geißeln ihr „Weiter so“, das vor allem dazu beigetragen habe, dass dem Volk das kultivierte Streiten und damit auch die Demokratie nicht mehr gelingen will.

Viele Junge wünschen sich starken Führer

Doch ist dies wirklich so? Es sieht sehr danach aus: Laut einer aktuellen Umfrage der Otto-Brenner-Stiftung kann die Nachwendegeneration nicht mehr viel mit Demokratie anfangen. Mehr noch: Mehr als 20 Prozent der jungen Erwachsenen in Ost wie West wünschen sich in diesen Tagen einen starken Führer. Jemanden – vermutlich einen Mann –, der sich nicht mehr „um Parlament und Wahlen kümmern muss“. Natürlich ist da der Gedanke an einen Hitler 2.0 nicht weit, vielleicht würde aber auch ein Monarch reichen, um des Volkes Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung zu befriedigen. So ist es dann nur logisch, wenn Merkel in der letzten Szene bei Glockengeläut und Orgeldröhnen zur Königin Angela I. ausgerufen wird – und den Deutschen damit auf ewig erhalten bleibt.

Zum Angucken

9., 15., und 30. März sowie 6., 18. und 26. April, jeweils um 19,30 Uhr, Theater am Leibnizplatz, Bremen.

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