„Rich Kids“: Junge-Akteure-Produktion beschreibt den Exzess einer Kultur

Weil sie es können

Um Geld müssen sich reiche Kids nun wirklich keine Sorgen machen.
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Um Geld müssen sich reiche Kids nun wirklich keine Sorgen machen.

Bremen - Von Rolf Stein. Hat sich denn so wenig geändert? Offenbar nicht, wenn sich Büchners Komödie „Leonce und Lena“, in nichts anderes als in geistige Verwahrlosung übersetzen lässt.

Christiane Renziehausen hat mit einem jungen Ensemble des Theaters Bremen Büchners Satire auf eine über- und verkommene Gesellschaftsform zum Ausgangspunkt genommen, um dieser Frage nachzugehen. Und fand durchaus gegenwärtige Figuren, die sich beispielsweise auf Instagram mit der Zuschaustellung ihres Lebens beschäftigen, unter anderem mit Plädoyers wie: „Sparen Sie Wasser! Baden Sie in Champagner.“

Büchners Vorlage aus den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts bildet dabei für „Rich Kids“ ein eher loses Gerüst, bleibt aber sprachlich immer erkennbar. Zusätzlich hat Renziehausen aus zeitgenössischem Material geschöpft, hat – ein bisschen wie Bret Easton Ellis – Kaskaden von Markennamen aneinandergereiht, die beispielsweise Lili Süper in aufreizend gelangweiltem Ton herunterspult, wobei sie sich lasziv streichelt. Oder hypersexistische Tiraden über die Brauchbarkeit von Frauen kompiliert, die Emil Lill mit beklemmender Beiläufigkeit performt. Dabei ist es sehr beeindruckend, wie souverän das Ensemble, zu dem neben den Genannten Jan Grosfeld als dekadent-blasser Leonce, Hale Richter als dienstbares Zwitterwesen und Yesim Nela Keim Schaub als Gouvernante gehören, die streng durchkomponierte Spielweise und die verschiedenen Sprachebenen meistert. Marthe Labes und Sofia Korcinskaja haben für diesen rund einstündigen Abend ein zeitloses, düster-schönes Bühnenbild gestaltet, das den Boden des tiefen Bühnenraums des Brauhauskellers mit schwarzen Papierfetzen in morbide Düsternis taucht, die auch nicht freundlicher wirken will, nachdem per Laubbläser der goldene Untergrund freigelegt wurde. Die Kostüme der beiden verschneiden derweil virtuos die Büchner-Zeit mit der unseren.

Nun sind die Probleme reicher Kids, die sich nach aller Wahrscheinlichkeit nie werden Sorgen um Geld machen müssen, erst einmal für die meisten von uns einigermaßen weit entfernt. Fragt sich deshalb, was „Rich Kids“ uns analog zu Büchners Kritik des Feudalstaats über unsere Gesellschaft erzählt. Womit wir in gewisser Weise wieder bei Bret Easton Ellis wären, der, damals gerade 19 Jahre alt, 1985 mit dem Roman „Unter Null“ debütierte. Sein Porträt einer Clique reicher Jugendlicher, die sich ihre Zeit neben einem eher pro forma betriebenen Studium mit Drogen, Partys und Sex vertreiben, wurde seinerzeit durchaus misstrauisch beäugt: Gibt es denn solche Menschen überhaupt? Während dem Autor später gar attestiert wurde, auf eine Weise Phänomene wie Paris Hilton und die Kardashians erfunden zu haben.

„Weil ich es kann“, ist die im Grunde einzige Begründung, die es gibt für das, was diese jungen Leute treiben. Vom Kauf einer sündhaft teuren Flasche Champagner im Club bis zur Verpflichtung eines Russen, der seinen Dienstherrn zum Zweck des Nervenkitzels täglich überraschen muss. Mit Kampfhunden, einer täuschend echt gespielten großen Liebe und Orgien mit Prostituierten.

Der Exzess einer Kultur, die als obersten Zweck Wachstum hat, das schließlich auch das Wachstum privaten Reichtums ist. Der hier einerseits zum Selbstzweck geronnen scheint, sich damit andererseits nicht bescheidet. Die Welt, zumindest aber das Internet, soll schon erfahren, wer da den Reichtum verjuxt, für den andere Menschen mehr oder weniger hart gearbeitet haben. Wobei Instagram oder andere sogenannte soziale Netzwerke geradezu erfunden scheinen für derlei Angeberei. Die sich im Kern dann doch nicht so sehr von dem unterscheidet, was auch weniger begüterte Menschen dort von sich preisgeben.

Insofern ist „Rich Kids“ (frei ab 16) durchaus Theater zur Zeit. Und dann auch noch eines, das die Jungen Akteure neben dem regulären Betrieb und ohne Budget gestemmt haben. Auch das verdient natürlich Beachtung. Sich von der Qualität dieser Arbeit zu überzeugen, mag indes nicht ganz einfach sein. Alle angesetzten Aufführungen sind schon ausverkauft. Sich um eventuelle Restkarten an der Abendkasse zu bemühen, lohnt sich deshalb unbedingt.

Die nächsten Vorstellungen: 24., 27., 28. und 30. Januar, jeweils 19 Uhr, Brauhauskeller, Theater Bremen.

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