Geschlagen, getanzt und gespielt: Israels Performance-Gruppe „Mayumana“ kommt nach Bremen

Der Rhythmus des Jetzt und Heute

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Schwerelos und ganz gegenwärtig: Szene aus „Momentum“. ·

Von Johannes BruggaierTEL AVIV · Mit den Taucherflossen kommt das Rhythmusgefühl. Eine gute Viertelstunde habe ich geklatscht und gestampft. Nie im Takt, immer mitten hinein in die Pause. Ein verklemmter Deutscher mit Rhythmus am falschen Ort: im Kopf statt im Blut. Doch jetzt, da meine Hände zu Flossen mutieren, mein Anblick also alberner nicht sein könnte, werde ich endlich locker. „Great“, ruft mir meine Vortrommlerin, Omer Zeret, fröhlich zu: „Clap, clap, clap and stamp, stamp, stamp, now right and left and up and down!“

„Mayumana-House“ heißt der Ort dieses Rhythmus-Workshops im Tel Aviver Stadtteil Jaffa. „Mayumana“, das ist eine eher wenig bekannte Künstlergruppe. Wenig bekannt in Deutschland. Sehr bekannt dagegen in Israel. Wahre Superstars sind sie hier – ein Status, der sich jedem verdeutlicht, der nach ihnen fragt. Den Sicherheitsbeamten am Flughafen: „Mayumana! They‘re outstanding!“ Den Taxifahrer: „Mayumana? Everybody knows them!“ Oder die neidische Frau an der Hotelrezeption: „Oh! You will really have the opportunity to meet them?“

Es ist ein unzweifelhafter Ruhm. Und eine umso zweifelhaftere Ehre, selbst als Akteur auf der Bühne des „Mayumana-House“ zu stehen. Erst stampfen, befiehlt Omer und stampft zur Bestätigung selbst auf den Bühnenboden. Danach zweimal mit den Flossen klatschen. Anschließend dreimal stampfen – links, rechts, links. Die Flossen auseinander, bis sie mit denen des Nachbarn zusammenklatschen. Dann linkes Bein hoch, mit Flossen darunter klatschen. Rechtes Bein hoch, wieder Flossen darunter klatschen, Schluss. Alles gemerkt? Dann los! Erst stampfen, klatschen, dann links, rechts – nein: rechts, links… Zu spät, wieder rausgeflogen. Macht nichts, tröstet Omer und schmeichelt mir mit nicht ganz ehrlichem Lob.

Am Abend auf der gleichen Bühne zeigt sie, was eigentlich möglich wäre. „Momentum“ heißt die neue „Mayumana“-Show: Omer ist Teil des zehnköpfigen Ensembles. Es geht um Zeit, was sich schon allein an den überdimensionierten Sanduhren links und rechts der Bühne erkennen lässt. Vor allem aber geht es um Rhythmus und zwar in all seinen Erscheinungsformen: geschlagen, getanzt, gespielt. Sie trommeln auf Zigarrenkisten, rasant, komplex, synkopisch gebrochen. Sie tanzen auf engstem Raum, artistisch, kraftvoll, perfekt synchronisiert. Und sie spielen mit dem Publikum, ironisch, pointiert, präzise getimt. Das ist alles in allem zwar leidliche Kunst, aber immerhin solide Unterhaltung und mehr noch: großer Sport. Warum die kollektive Verzückung, der nationale Jubel ausgerechnet über diese Show?

Omer mag die Antwort lieber dem Chef überlassen. Boaz Berman, ein sportlicher Tel Aviver mit kantigem Gesicht, hat Mayumana 1997 mit seiner Partnerin Eylon Nuphar aus der Taufe gehoben. Es war die große Zeit von „Stomp“, jener britischen Percussion-Band, vor deren Trommelwirbeln kein Gegenstand sicher war – keine Mülltonne, kein Autoreifen. „Ich saß damals mit Eylon im Publikum“, erzählt Berman. „Wir schauten uns an und wussten gleich, was der jeweils andere gerade dachte: Verdammt noch mal, das hier wäre unsere Show gewesen!“ Weil sie so schwer war und doch so leicht. So dynamisch und doch nicht aggressiv. Und weil sie vor allem nicht den Anspruch verfolgte, politische Aussagen zu treffen.

Womit sich eine Deutung des „Mayumana“-Phänomens schon mal erledigt hat: die einer politischen Instanz. „Absolut null!“, ruft Boaz aus, wenn er nach dem Einfluss des Nahost-Konflikts auf sein Ensemble befragt wird. „Wir wollen tun, was uns Spaß macht, nicht was uns belastet.“ Und dann zählt er auf, aus welchen Regionen der Welt sie alle kommen, die „Mayumanas“: aus Brasilien, aus Curaçao, aus der Elfenbeinküste. Auch ein Palästinenser sei schon einmal Mitglied gewesen, ohne dass in dieser Zeit auch nur ein einziges Mal über Politik gesprochen worden sei.

Man muss nicht alles wörtlich nehmen, was Boaz Berman über die vermeintliche Idylle sagt. Über die Freundschaft zwischen allen Beteiligten, über die „Familie“ Mayumana, in der jeder mit seinen Sorgen und Nöten auf ein offenes Ohr stößt.

Und doch ist er nicht zu unterschätzen, der Fun-Faktor, die betonte Reduktion auf den Spaß an einer gelungenen Performance. In diesem Land, wo selbst Unterhaltungen über das Wetter binnen Minuten in hitzige Debatten um UN-Resolutionen und Grenzverläufe münden: In diesem Land ist Mayumana so etwas wie ein Zufluchtsort. Ein Ort, wie es ihn nur in Jaffa geben kann, in diesem Schmelztiegel der Kulturen am Rand der weltoffenen Metropole Tel Aviv.

„Nehmen Sie nur diese Sanduhren“, sagt Berman und tätschelt auf eine der beiden markanten Show-Elemente am Bühnenrand: „Eigentlich sollte der Sand pünktlich zum Ende der Vorstellung durchgerieselt sein. Leider klappt das nie, und der Sand rieselt noch, wenn alles längst vorbei ist. Das macht aber nichts: weil wir selbst unser Thema ‚Zeit‘ nur zur Inspiration nehmen, nicht als starres Konzept.“ Wenn selbst das Motto des Abends kaum ergründet wird, will er damit sagen, dann ist der Versuch einer fundamentalen Gesellschaftskritik schon gar nicht angezeigt.

Und das mit der Uhr? Liegt der Show vielleicht wenigstens ein spezifisch israelisches Verständnis von Zeit zugrunde? Da richtet Berman seinen Blick zur Decke, schweigt lange und spricht dann: Es gebe dieses Verständnis ganz bestimmt. In Israel zu leben, das bedeute jedes Gestern und Morgen zu ignorieren. „Was war, ist oft schmerzhaft. Und was wird, ist bei uns so ungewiss wie in kaum einem anderen Land. Deshalb denken wir nur ans Jetzt und Heute.“

Draußen, vor der mächtigen Pforte des grauen „Mayumana-House“ möchte ich es dann doch noch mal wissen. Das mit dem Workshop. Ob das Ensemble irgend eine Anregung aus der Arbeit mit Laien wie mir ziehen kann. Eine Inspiration von einem rhythmisch minderbemittelten Deutschen mit Flossen an den Händen?

Bermans Lachen erklingt so spontan wie herzlich. Er besinnt sich noch, etwas Höfliches zu sagen, doch dafür ist es schon zu spät. Für das wahre Mayumana, soviel ist nur allzu deutlich geworden, bedarf es mehr als ein bisschen Klatschen und Stampfen. Wer sich davon überzeugen will, erhält Ende Juli die Gelegenheit dazu: Dann kommt Mayumana nach Bremen.

Auftritte: vom 23. bis 27. Juli, täglich jeweils um 20 Uhr, am 27. und 28. Juli außerdem um 15 Uhr im Bremer Musical Theater. Anschließend vom 30. Juli bis 11. August in Hamburg, Thalia Theater.

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