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Der Rhythmus, wo jeder mit muss

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Von: Rolf Stein

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Doris Uhlich (l.) und Michael Turinsky. - Foto: Theresa Rauter
Doris Uhlich (l.) und Michael Turinsky. © Theresa Rauter

Bremen - Von Rolf Stein. Zu hören ist zunächst lediglich das leise Knatschen von Gummi auf der Tanzfläche. Hervorgerufen wird es von den Rädern des Rollstuhls, mit dem der Tänzer Michael Turinsky auf die Bühne rollt. Im hinteren Eck steht ein Tisch mit ein wenig technischem Gerät, an dem Doris Uhlich steht und nach einer Weile ganz sacht pulsierende Klänge über die Lautsprecher schickt. Während aus Turinskys Rollstuhl zischend Nebel quillt.

Das ist durchaus von einer gewissen Komik. Aber es ist auch ein Verweis auf ein Prinzip der rund einstündigen Choreografie „Ravemachine“, die gestern und vorgestern in der Bremer Schwankhalle zu sehen war. Rave ist im allgemeinen Verständnis vor allem eine Party mit elektronischer Musik, die ohne Starkult auskommt – zumindest war das damals in den 80er-Jahren einmal das Ideal. Im englischen Wort stecken Bedeutungsfarben wie Schwärmerei, Fantasie, Begeisterung, Ekstase, also Außer-sich-sein.

Das mag man vielleicht nicht zuallererst mit einem Rollstuhl in Verbindung bringen, aber Uhlich und Turinsky belehren uns in „Ravemachine“, das in diesem Jahr mit dem Nestroy-Spezialpreis ausgezeichnet wurde, eines Besseren. Und das, sollte man vielleicht dazu sagen, ohne dabei belehrend oder moralisierend zu wirken.

Rollstuhlgeräusche zu Techno-Beats

Uhlich nimmt als Choreografin dieses Abends das auf, was Turinsky, der spastisch gelähmt ist, mitbringt. Zum einen verarbeitet sie Geräusche, die sein Rollstuhl macht, zu Techno-Beats. Und sie lässt sich von seiner tänzerischen Sprache inspirieren, wobei die beiden Tänzer auch die Positionen wechseln. In der zweiten Hälfte, nachdem Turinsky vehement einen Rollstuhl zerlegt hat, steht dann Turinsky an den Klangreglern, Uhlich hat den Rollstuhl übernommen.

Wichtiger als dieser Perspektivwechsel ist aber vielleicht der unmittelbare tänzerische Dialog, in dem sich die beiden aneinander herantasten, ganz buchstäblich dann auch, wobei klassische Ballettideen vehement negiert werden: Der starke Mann, der die Ballerina fliegen lässt? Keine Spur. Hier geht es, wenn überhaupt, eher andersherum, stützt eher die physisch sehr präsente Tänzerin den eher zierlich wirkenden Partner. 

Aber dem ungleichen Duo ist auch nicht daran gelegen, die Unterschiedlichkeit der Körper und ihrer jeweiligen Möglichkeiten zu kompensieren und so möglichst unsichtbar zu machen. In einer Szene stehen sie an gegenüberliegenden Seiten der Tanzfläche und bewegen sich zum Beat, den sie gewissermaßen gemeinsam produziert haben. Um am Ende wieder zusammenzukommen, in einer gemeinsam für diesen Abend gefunden Energie, gemeinsam, aber unterschiedlich, erschöpft, aber glücklich.

Was sich offenbar auf das Publikum überträgt, das den beiden Akteuren ausgiebig applaudiert.

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