Museum August Kestner beleuchtet den Bauhaus-Einfluss auf die Bühne

Revolutionäre Experimente

+
Bauhaus und Tanz passt nicht? Doch, zeigt eine neue Schau im Musem August Kestner in Hannover.

Werbung tut not. Diese elementare Wahrheit hatte Bauhaus-Meister Oskar Schlemmer außer Acht gelassen, und nun bahnte sich am 26. August 1923 eine Riesenblamage an: Mangels ausreichender Reklame hatten sich kaum Besucher zur Dresdner Aufführung des „Triadischen Balletts“ eingefunden, die Vorstellung drohte zu platzen.

Hannover – Von Jörg Worat. Die Rettung nahte in Gestalt von Mary Wigman und ihrer Gruppe mit Gret Palucca und Yvonne Georgi – bei solcher Prominenz im Zuschauerraum war von einer Absage keine Rede mehr.

Moment mal: Das Bauhaus und der Ausdruckstanz sind zwar in derselben Zeit entstanden, aber bewegen sich doch in völlig unterschiedlichen Welten? Eben nicht, wie das Museum August Kestner in Hannover mit der Ausstellung „Ausdruckstanz und Bauhausbühne“ beweist, die einen sehr eigenständigen Beitrag inmitten der weit verbreiteten Präsentationen zum 100. Jahrestag der Bauhausgründung darstellt.

„Unser Haus hat viel zu bieten, wenn es um die Einflüsse der Moderne auf die Gestaltung von Möbeln, Textilien und Gebrauchsgegenständen geht“, sagt Museumsdirektor Dr. Thomas Schwark. „Diese Ausstellung nimmt einmal nicht die Objektwelt des Bauhauses in den Fokus, sondern behandelt das Phänomen der Bauhaus-Bühne, einen Ort für ganz neue, ja revolutionäre Experimente mit geformten Körpern in gestalteten Räumen – in Bewegung und Licht. Das ist neu, das ist anders. Und es ordnet den Tanz den Strömungen der avantgardistischen Szene in unserer Stadt zu.“

In der Tat spricht Kuratorin Dr. Sally Schöne mit ihrer übergreifenden Zusammenstellung unterschiedliche Besuchergruppen an. Wer sich für Tanzgeschichte interessiert, wird hier ebenso fündig wie der Hannover-Fan oder auch derjenige, der einfach gern Bewegung im Raum betrachtet: Die nämlich ist das verbindende Element bei diesen kleinen und großen Exponaten, die aus der eigenen Sammlung und von Leihgebern wie dem Bauhaus Dessau stammen – es gibt Fotos, Kostüme, Figuren, Filme, alles präsentiert in einer abwechslungsreichen Ausstellungsarchitektur. Dass der Tanz der Klassischen Moderne auch heutzutage noch gern aufgegriffen wird, kommt ebenfalls zur Geltung.

Sowohl der Bauhaus- als auch der Ausdruckstanz sollten neue Wege in einer neuen Zeit aufzeigen. Der Hauptunterschied bestand darin, dass die Individualität der Akteure beim Bauhaus stark in den Hintergrund trat: Oskar Schlemmer, gelernter Maler und treibende Kraft bei der Entwicklung dieses Tanzstils, setzte vor allem auf die Wirkung von Geometrie und Material – Namen wie „Raumtanz“, „Formentanz“ oder „Metalltanz“ machen diesen vergleichsweise strengen und gleichwohl hochästhetischen Ansatz deutlich.

Beim Ausdruckstanz hingegen ist der Name Programm, hier geht es in erster Linie um das expressive Moment. Eine zentrale Figur war dabei die Hannoveranerin Karoline Sofie Marie Wiegmann, besser bekannt als Mary Wigman, die 1920 in Dresden eine Schule für modernen Tanz eröffnete – aus der gingen unter anderem Yvonne Georgi und Harald Kreutzberg hervor, die wiederum später die hannoversche Tanzszene entscheidend mitprägen sollten. Die entsprechende Fotoauswahl bringt mächtig Schwung in die Präsentation.

Und was wäre eine solche Ausstellung ohne das eine oder andere Kuriosum: Dass etwa der renommierte Porzellan-Hersteller Rosenthal als Modell für eine eher putzige Tanzfigurine ausgerechnet die Berliner Skandalnudel Anita Berber wählte, wirkt schon etwas bizarr.

Ist diese Schau reine Nostalgie? Bestimmt nicht: „Hannover gilt ja“, merkt Direktor Schwark völlig zu Recht an, „nach wie vor als pulsierende Tanzstadt. Weit über die engere Szene hinaus.“

Selbst angucken

Die Ausstellung läuft bis zum 29. September.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Diese Spiele feiern Weltpremiere auf der Gamescom

Diese Spiele feiern Weltpremiere auf der Gamescom

Italiens Ministerpräsident Conte kündigt Rücktritt an

Italiens Ministerpräsident Conte kündigt Rücktritt an

Johnson beißt mit Änderungswünschen in Brüssel auf Granit

Johnson beißt mit Änderungswünschen in Brüssel auf Granit

Wie spielen wir in Zukunft?

Wie spielen wir in Zukunft?

Meistgelesene Artikel

Die Lust am Untergang

Die Lust am Untergang

Erinnerungen an Woodstock: „Ich war von der Stimmung stoned“

Erinnerungen an Woodstock: „Ich war von der Stimmung stoned“

Dem Idyll misstraut

Dem Idyll misstraut

„Horn to be Wild“-Festival: „Es war uns zu ruhig“

„Horn to be Wild“-Festival: „Es war uns zu ruhig“

Kommentare