Daniel Wahl überfordert mit einer komplexen Textcollage aus „Frühlings Erwachen“ und „Kids“ sein Ensemble

In der Not rettet der Tod

Generationentreff zum Disco-Beat: In Daniel Wahls Hamburger Wedekind-Produktion gerät manches durcheinander.

Von Johannes BruggaierHAMBURG (Eig. Ber.) · Mal aufzählen, was dieser Tage so Mode ist an deutschsprachigen Stadttheatern. Filmstoffe, idealerweise gemixt mit klassischen Dramentexten, zählen auf jeden Fall dazu. Sprechchöre an der Rampe. Finstere Klänge, die durch Nebelschwaden wabern. Videosequenzen, ins dreidimensionale Bühnenbild mitten hineinprojiziert. Und natürlich: Laien. Am besten aus Randgruppen der Gesellschaft: Hartz-IV-Empfänger zum Beispiel, die ganz authentisch über ihr Schicksal sprechen. Alles in allem liegt das Deutsche Schauspielhaus mit seiner Eröffnungspremiere schwer im Trend.

Kein einziger professioneller Schauspieler betritt die Bühne. Statt dessen 28 „Experten des Alltags“, wie Schauspielhaus-Intendant Friedrich Schirmer die Laientruppe nennt: Senioren jenseits der 65 Jahre einerseits, Jugendliche nicht über 20 Jahre andererseits. Die Senioren sind ausnehmend seniorenhaft gekleidet, die Jugendlichen verdammt jugendlich. Rüschenkleid trifft Basecap: Generationentreff vor überdimensionierten Schwarzweiß-Jugendporträts, in Holz gerahmte Zeugnisse seliger Zeiten.

Auf dem Spielplan steht „Frühlings Erwachen“, aber das ist nur die halbe Wahrheit. In einer etwas umständlichen Begrüßung erklärt ein Mädchen aus der Rasselbande, dass heute genau genommen zwei Stücke zu sehen seien: neben Wedekinds Klassiker auch Larry Clarks Film „Kids“, ein wegen freizügiger Szenen viel diskutierter Jugendkultur-Streifen der neunziger Jahre.

Und so ledern die 14 Jugendlichen ordentlich los, reden vom „Ficken“, „Blasen“ und „Wichsen“. Der coole Telly legt bei einer Party die unschuldige Darcy flach, wie ja einstmals auch Wedekinds Melchior seine Wendla entjungferte, wobei Melchior jetzt alt und grau ist, Hawaiihemd trägt und versucht, die gleichermaßen gewalttätige wie sexbesessene Jugend von heute zu verstehen. In wieweit dieses Vorhaben von Erfolg gekrönt ist, lässt sich schon allein deshalb schwerlich nachvollziehen, weil zwischendurch unvermittelt Melchiors Alter Ego auftaucht: er selbst, nur in jungen Jahren, züchtig gekleidet im Kaiserreich-Look mit Hosenträgern und weißem Hemd. Fest steht, dass der junge Mann seinen verunsicherten Freund Moritz recht schneidig über die Geheimnisse zwischen Mann und Frau aufklärt, während der Alte seinen Annäherungsversuch an die Jugend bitter bezahlt; dann nämlich, als Clarks Bande den Rentner kurzerhand niederknüppelt. Der junge Moritz, man switcht jetzt wieder um ein gutes Jahrhundert zurück, jagt sich aus Schulfrust und sexueller Verunsicherung eine Kugel in den Kopf. Das hindert ihn freilich nicht daran, als alter Moritz wiederaufzuerstehen, zwar nicht kopflos wie bei Wedekind, dafür aber mit blutender Wunde, die Pistole im Anschlag.

Es ist dann doch ein bisschen viel der Zeitsprünge, Wendungen und Textcollagen. Zu viel ist es in jedem Fall für ein Ensemble, dessen darstellerische Leistung insgesamt über respektables Laienniveau nicht hinaus kommt. Wie sollte sie auch? In höchster Not greift Wahl zum rettenden Strohhalm der bewährten Effekte, spielt hier finstere Klänge ein, wirft dort Nebelschwaden ins fahle Licht, lässt die Senioren im Chor banale Sätze über das Sterben bedeutungsschwanger deklamieren und verpasst seinem Personal – gruselig – einen Satz Totenkopf-Masken.

Die Verbindung zweier Texte gänzlich unterschiedlicher Epochen erscheint gewagt genug. Davon einer als Bühnenfassung eines Drehbuchs: Respekt. Dem nicht genug auch noch zwei Zeitebenen mit der Folge doppelter Identitäten: nicht schlecht. Das alles in gerade einmal einer Stunde Spielzeit, aufgeführt von 28 Theaterlaien: eine Überforderung.

Am Ende bleibt die Ahnung, dass der angestrengten Textsymbiose mit ihrer aufdringlichen Symbolik eine Absicht zugrunde liegt. Es könnte die Absicht sein, eine (vermeintlich) pornografisierte Lebenswelt heutiger Jugendlicher als nicht minder perversen Gegenentwurf zur grotesk rigiden Sexualmoral des Wilhelminischen Kaiserreichs zu kennzeichnen. Was freilich nichts weiter wäre als ein Klischee. Dieser Umstand ließe sich leicht verschmerzen, und fürs redliche Bemühen gäbe es anerkennende Worte obendrein, handelte es sich bloß um ein freies Projekt im Sinne städtischer Generationenbegegnung. Aber als Saisoneröffnung an der größten Sprechbühne der Republik?

Weitere Vorstellungen: morgen sowie am 18. September und 6. Oktober, jeweils um 20 Uhr im Deutschen Schauspielhaus.

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