Nazi-Terror hinterlässt Verwüstungen auf dem Kunstmarkt / Speer: Nach der Haft machte er seine Sammlung zu Geld

Restitution: Die Bilder sind noch unter uns

Geschäfte in Köln: Albert Speer. Das Foto zeigt ihn während des Prozesses in Nürnberg.

Von Jost BeckerBREMEN (Eig. Ber.) · Der Nazi-Terror hat auf dem deutschen Kunstmarkt unglaubliche Verwüstungen hinterlassen. Jüdische Kunsthändler und Sammler wurden quasi enteignet. Einige deutsche Auktionshäuser spielten mit.

Sie übernahmen die Versteigerungen der Kunstwerke, schließlich waren sie Teil des Systems, und es ging um Geld. Neue den Nazis nahestehende Kunsthändler machten Karriere, schafften Kunstwerke beiseite, wurden nach dem Krieg reich.

Auch große deutsche Museen mischten nach dem Krieg mit. Es kam ja viel Material auf den Kunstmarkt. Und da Sammlungen vom Zuwachs leben, die Museen ab 1937 gewaltige Aderlasse durch das Nazi-Projekt „Entartete Kunst“ hatten – die Kunsthalle Bremen allein verlor Werke unter anderem von Heckel, Kirchner, Pechstein, Barlach, Klee und Modersohn-Becker, insgesamt 31 Gemälde und 120 Blatt Druckgraphik – und die Einkaufspreise stimmten, schlugen die Museen als Einkäufer zu. Wieviel „gutgläubiger Erwerb“ dabei war, bleibe dahin gestellt.

Der Kunstexperte und Journalist Stefan Koldehoff beschreibt in seinem jüngsten Buch „Die Bilder sind unter uns“ die Verstrickungen vieler Akteure in dieses Kunstmarktnetz. Zum Teil leben diese Menschen noch oder begegnen sich die Erben der Opfer und Täter im Rahmen der Aufklärung von Restitutionsfällen.

Einer der markantesten Fälle, die Koldehoff beschreibt, ist der von Albert Speer. Hitlers zuständiger Mann für die Kriegswirtschaft des Deutschen Reiches setzte nach seiner 20-jährigen Haft Ende der 60er Jahre bis zu seinem Tod 1981 beim Kölner Auktionshaus Lempertz einige Bilder „ungeklärter Herkunft“ um. Er hatte während der NS-Zeit tüchtig „gesammelt“. Knapp eine Million Mark gingen offenbar schwarz über den Tisch.

Koldehoff problematisiert auch die gesetzliche Verjährung, auf die NS-Profiteure wie Conrad Doebbeke spekulierten. Der kaufte offenbar ab 1933 im großen Stil Raubkunst aus jüdischen Sammlungen und ging ab 1949 eine geschäftliche Allianz mit dem Niedersächsischen Landesmuseum Hannover ein, deren Spuren, so Koldehoff, sich bis heute in den Beständen des Museums wiederfinden.

Die Auktionshäuser sind zwar der Kunstmarkt schlechthin. Doch sie sehen sich in Restitutionsdingen auch heute noch lieber als reiner Intermediär zwischen Käufer und Verkäufer, einer moralisch wenig belastenden Rolle. Nach Ansicht von Henrik Hanstein, geschäftsführender Gesellschafter des Kunsthauses Lempertz in Köln, laufe der Kunsthandel „im Kielwasser der Washingtoner Erklärung“ mit, man könne und wolle die „Grundsätze nicht exekutieren“. Lempertz beschäftigt gleichwohl einen eigenen Provenienzforscher, der Ware zumindest in den öffentlichen Datenbanken auf Restitutions-Anhaltspunkte prüft.

Dass der Rubel rollt, ist natürliches Hauptanliegen der Auktionshäuser. Immerhin kassieren sie saftige zweistellige Provisionen. Hanstein: „In London existieren in den Firmen meiner Kollegen regelrechte Abteilungen, die nach Restitutionsfällen recherchieren, um anschließend auch die Versteigerungen durchführen zu können“.

Dass der Kunsthandel eine zentralere Rolle im Bereich Restitution spielt als er vorgibt und will, beurteilt so auch die Koordinierungsstelle Magdeburg.

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