Jelinek-Neuentdeckung

Requiem für einen Traum

Wien - Von Rolf Stein. Es ist ein Traum – und es muss leider einer bleiben. Denn 1991 starb mit Serge Gainsbourg der Mann, der als männlicher Hauptdarsteller für „Eine Partie Dame“ vorgesehen war. Gainsbourg, 1969 mit „Je t’aime ... moi non plus“ im Duett mit Jane Birkin berühmt geworden, hätte, wäre es nach Elfriede Jelinek gegangen, den Halbwelt-Charakter Andrzej gespielt, der während des Kalten Krieges in Wien einen Agentenring anführt. Angeneigt war er nicht, und für die weibliche Rolle hatte man Tilda Swinton avisiert. Was das für ein Film geworden wäre!

In letzter Zeit trat Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek vor allem als Autorin für die Bühne in Erscheinung, ihr Stück über Donald Trump, „Am Königsweg“, wurde im vergangenen Jahr am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg uraufgeführt und von der deutschsprachigen Theaterkritik zum Stück des Jahres gekürt.

Wie in anderen Bühnenwerken Jelineks aus den vergangenen Jahren gibt es in „Am Königsweg“ keine Rollen, keine klassische Dramaturgie. Stattdessen sogenannte Textflächen.

„Eine Partie Dame“ nun, ein Drehbuch, erschienen im Berliner Verbrecher-Verlag, ist im Vergleich geradezu schockierend konventionell konstruiert. Was freilich auch wörtlich zu nehmen ist: Der Text spielt nämlich mit den Konventionen eines Agententhrillers. Weil er einer werden sollte – genauer: ein Film im Agentenmilieu. Aber keine Sorge: Wir haben es nicht mit einem unreifen Frühwerk zu tun. Als Jelinek mit dem mit dem Regisseur Rainer Boldt und dem Produzenten Helmut Wietz an dem Projekt arbeitet, hat sie bereits den Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman „Die Liebhaberinnen“ geschafft.

Gescheitert ist das Projekt dann auch keineswegs an seiner literarischen Qualität, sondern – wer hätte es vermutet – am Geld. Das Hickhack um Ver- und Anträge, Zu- und Absagen skizziert Herausgeber Wolfgang Jacobsen in einem Nachwort, das auch auf die inhaltliche Komplexität des Stoffs eingeht. Auch wenn nämlich „Eine Partie Dame“ mit Attributen des Generischen spielt, geht es um mehr. Gewiss, eine Liebesgeschichte gehört auch in einschlägigen Thrillern zum guten Ton, aber dass darin Geschlechter- ebenso wie Klassenfragen erörtert werden, ist dann doch kein Standard.

Die Affaire zwischen Andrzej, Kommunist und Hasardeur, und Lisa, deren hochromantische Ambitionen bei Andrzej allerdings ganz und gar ins Leere laufen. Dass das nicht einfach nur an zwei grundverschiedenen Charakteren liegt, wird spätestens dann klar, wenn Lisa auf der Suche nach Andrzej durch ein Bürohaus stromert und Etage für Etage einen veritablen Horrortrip erlebt, der uns Leser heute daran erinnert, wie wenig damals an so etwas wie „Me too!“-Kampagnen zu denken war.

Ein weiterer wichtigenr Aspekt sei an dieser Stelle nicht unterschlagen: Wien ist nämlich nicht zufällig der Schausplatz der Story. „Das wesentliche Element in diesem Projekt ist die Atmosphäre Wiens“, schickt die Autorin ihrem Drehbuch voraus. Die geografische Lage, eingekeilt zwischen Supermächten, die sich nicht zuletzt in einem eigentümlichen Sprachenmix manifestierenden Relikte des einstmaligen Vielvölkerstaats der K.-u.-k.-Monarchie und die Atmosphäre „einer Stadt, die als einzige in Westeuropa noch nicht amerikanisiert ist“. Auch in dieser Hinsicht ist diese „Partie Dame“ eine Lektüre wert.

Elfriede Jelinek: Eine Partie Dame, 192 Seiten, Broschur, 15 Euro, Verbrecher-Verlag

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