Traumtanz in Osnabrück: Choreografin Nanine Linning führt Fabelwesen um Seziertische

Requiem mit Aquarium

Hochgradig emotionaler Untergang: Nanine Linning irritiert in Osnabrück mit einem „Requiem“.

Von Beate BößlOSNABRÜCK · Am Ende des Abends ist Stillstand. Die Tänzer, eben noch haben sie temporeich und in Vielzahl den Raum geflutet, kehren jetzt dem Publikum ihre Rücken zu, sinken auf den Boden, blicken – wie nun alle – in die dunkle Bühnentiefe.

Türkisfarben schimmert dort ein Aquarium, an dessen Rand schemenhaft Menschen zu erkennen sind. Eine Kamera überträgt auf deckenhohes schwarzes Gaze, was aus der Ferne kaum sichtbar ist. Es sind die wackeligen Bilder eines hochgradig emotional inszenierten Untergangs. Im Zeitlupentempo tauchen erst die Füße einer jungen Frau in das Wasser ein, dann Zentimeter für Zentimeter ihr gesamter Körper. Während ihre geschlossene Augen in endloser Meerestiefe zu versinken scheinen, klingen die Musik und der Chorgesang aus mit einem letzten Wort: „Requiem“.

Ohne Frage: Was Osnabrücks Chef-Choreografin Nanine Linning mit der gleichnamigen Uraufführung im Theater am Dom zeigt, es ist so anrührend wie faszinierend, so facettenreich wie irritierend. Es ist eine Produktion, für die man ein neues Wort bräuchte, eines, das dieser neuen Form aus Klang und Kunst und Körpern gerecht wird. Phantanztastisch vielleicht. Weil so vieles hier mit dem Gewohnten bricht, weil es sich ganz phantanztastisch anfühlt, wenn die Niederländerin zu Beginn die Türen des Theatersaals geschlossen hält und die gesamte Besucherschar über die Seiteneingänge auf die Bühne bittet. Dort vorbereitet ist ein Parcours tänzerischer Fabelwesen, durch den hindurch die Menge schwirrt und der alles wirken lässt wie eine gefragte Ausstellung, wie ein überaus belebtes Museum, in dessen Vitrinen magische Figuren zum Leben erweckt wurden. Manches darin ist neuzeitlich, zeigt Tänzer an einer Art Seziertisch oder an einem solchen, mit Hand- und Fußfesseln. Vieles aber spielt auf die griechische Mythologie an. Zum Beispiel der Harpyie-Mann, ein Vogelmensch, aus dessen Kopfpartie sich ein athletischer Tänzer reckt. Genau wie aus dem Centaur, dem Mensch-Pferd-Wesen.

Punktgenau beleuchtet sind die weiß getünchten Exponate, die erdacht wurden von Linning und den Künstlern Les Deux Garcons (Lichtdesign: Loes Schakenbos). Manches was zu sehen ist, ist skurril, anderes schräg. Etwa der Zuckerclown, dessen Kopf in einer übergroßen Terrine schwimmt. Anrührend ist das Karussell der Vergänglichkeit mit drei älteren Damen, deren Haut welk geworden ist. Es hat etwas Andächtiges, Sakrales, als unerwartet der Chor von seinem Platz hoch oben in der Bühnentechnik erklingt, wie plötzlich alle im Raum stehen bleiben, nach oben schauen, staunen.

Eine halbe Stunde Umbaupause ist etwas lang, um die ersten Eindrücke über Sekt und Saft hinwegzuretten. Es gelingt vor allem deshalb, weil die Bildsprache in den folgenden großen zweiten Teil übernommen wird. Er schafft Raum für das eigentliche „Requiem“, basierend auf der Musik von Gabriel Fauré (1845-1924), über den nachzulesen ist, er habe den Tod nicht als schmerzliches Erlebnis gesehen, sondern als willkommene Befreiung, als ein Streben nach dem Jenseits: „Das Requiem ist so sanftmütig wie ich selbst“.

Nanine Linning wählt dazu eine Chorografie, in der nicht selten das eben noch kraftvolle, schnelle Leben abrupt endet, Tänzer aus dem Nichts in sich zusammen sacken, von anderen aufgehoben werden, als würden sie zum Schlafen getragen. Sehr gefühlvoll ist das und wird verstärkt durch das Osnabrücker Symphonieorchester (Leitung: Daniel Inbal) und den Theaterchor, die an diesem Abend beide glänzen.

Der Chor, er wurde sogar in viele Szenen integriert, mischt sich zu den über 20 Tänzern aus Linnings Tanzkompanie, die für diese Inszenierung unterstützt wird von Studenten im Fach „Moderne Theaterdans“ der Amsterdamer Kunsthochschule. Einer der musikalischen Höhepunkte ist das „Pie Jesu“, das wohl bekannteste Stück aus Faurés „Requiem“. Die Zerbrechlichkeit mit der es die Sopranistin Ani Taniguchi vorträgt, die dazu als hilflose weiße Meerjungfrau in den Armen eines Wassermannes liegt, besticht. Auf die Stille am Schluss folgt ein Applaus, der so lange andauert wie selten.

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