Regisseur Klaus Schumacher im Interview

Raus aus der Angst

„Geld hilft nicht“: Klaus Schumacher warnt vor monetären Handlungsmotiven. ·
+
„Geld hilft nicht“: Klaus Schumacher warnt vor monetären Handlungsmotiven.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Die Antwort auf Hans Falladas Frage fiel verheerend aus: Nur ein Jahr nach Erscheinen seines Romans „Kleiner Mann, was nun?“ verhalf ebendieser „kleine Mann“ der NSDAP zur Macht.

Heute erscheint die Frage wieder aktuell. „Kleiner Mann, was nun?“ erlebt insbesondere als Theaterstück eine ungeahnte Renaissance – vom kommenden Donnerstag an auch am Theater Bremen.

Dort feiert das Drama um den sozialen Abstieg des Angestellten Johannes Pinneberg und seiner Verlobten, der Verkäuferin Emma „Lämmchen“ Mörschel in einer Inszenierung von Klaus Schumacher Premiere. Im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert der Regisseur, warum Pinnebergs Schicksal heute noch bedeutsam ist.

Herr Schumacher, „Kleiner Mann, was nun?“ ist seit einigen Jahren auf zahlreichen Spielplänen deutscher Theater zu finden. Warum?

Klaus Schumacher: Das was in diesem Roman verhandelt wird, erzählt von einer Härte: eine Arbeitswelt, die einem Angstgebäude gleicht.

Dieses Angstgebäude steht bei Fallada in einer von der Wirtschaftskrise geschüttelten Gesellschaft. In der vergangenen Woche ist nun bekannt geworden, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt kräftig gestiegen ist. Die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosigkeit ist vergleichsweise gering, und vor dem gesellschaftlichen Absturz schützt uns der Sozialstaat. Wo ist die aktuelle Relevanz dieses Stücks?

Schumacher: Das hört sich für mich nach einer zu positiven Bilanz an. Wir haben in Europa eine Jugendarbeitslosigkeit, die leider Rekordhöhe hat. Es war schon mal leichter, mit guter Arbeit eine Familie durchzubringen. Das mag auch daran liegen, dass unsere Ansprüche gestiegen sind. Trotzdem bestehen auf dem Arbeitsmarkt viele Unsicherheiten. Nehmen Sie nur die Zunahme von Kleinunternehmen und Selbstständigen. Für mich zeigt sich darin eine Entsolidarisierung, die durchaus Parallelen zu Falladas Roman aufweist.

Sie meinen Lämmchens Aufforderung an ihren Mann, sich doch endlich den Kommunisten anzuschließen.

Schumacher: Zumindest fordert sie von ihm, dass er sich mit seinen Kollegen endlich einmal zusammenschließt. Das ist für einen Angestellten wie Pinneberg zu dieser Zeit offenbar ein abwegiger Gedanke, was auch darin begründet sein könnte, dass sich der Angestelltenstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts ja gerade erst neu erfunden hatte. Der damals vorherrschende Glaube, dass Solidarität nur etwas für Proletarier sei, lässt sich durchaus auf die Selbstständigen in heutigen Zeiten übertragen.

Warum sträubt er sich eigentlich so sehr davor, sich mit anderen zu solidarisieren?

Schumacher: Weil er ein Angstmensch ist. Es gibt so viele Situationen, in denen er seinen Mund aufmachen müsste. Etwa, wenn er in einem Betrieb nicht über seine Ehe sprechen darf, weil der Chef hofft, ihn mit seiner Tochter vermählen zu können. Da müsste er doch fragen, um was es hier eigentlich geht: doch wohl hoffentlich um die geleistete Arbeit und nicht um irgendwelche Heiratsoptionen! Wer mutig in die Welt geht, wehrt sich gegen solche Zustände. Wer ängstlich ist, nicht.

Ist diese Angst nicht auch das Ergebnis einer obrigkeitshörigen Erziehung, wie sie ganze Generationen vom Wilhelminischen Kaiserreich bis in die frühe Nachkriegszeit hinein geprägt hat? Was das betrifft, hat die heutige Generation doch ein weitaus größeres Selbstbewusstsein vermittelt bekommen!

Schumacher: Natürlich ist das Buch nicht in jedem Detail der Spiegel unserer Zeit. Es gibt aber Grundmotive, die ich als zeitlos empfinde. Johannes Pinnebergs Handeln ist immer von der Sorge bestimmt, dass seine Existenz ins Wanken gerät. Die Dominanz dieser Sorge erlebe ich auch heute vielerorts. Sogar im vermeintlich so autonomen Künstlermilieu gibt es eine Lust voranzukommen, die dazu führt, dass man Ideale opfert, um Einzelnen zu gefallen.

Einmal trifft Johannes ja doch eine klare Entscheidung: als er aus dem Haus seiner Mutter auszieht, weil diese einen Salon betreibt, den man als eine Mischung aus Bordell und Spielhalle bezeichnen könnte. Nun ist Johannes‘ eigener Arbeitsalltag von Prostitution ja auch nicht so weit entfernt. Er erhebt sich über seine Mutter, obwohl sein eigenes Beschäftigungsverhältnis moralisch ebenso fragwürdig ist!

Schumacher: Ich glaube nicht, dass er sich über seine Mutter erhebt. Sein Problem besteht vielmehr darin, dass er daran glaubt, Geld zu verdienen ohne moralische Grenzen zu überschreiten. Lämmchen ist hier die Klügere. Als der Freund seiner Mutter, Jachmann, dem jungen Paar Geld anbietet, sagt Lämmchen ihm: „Wissen Sie, Herr Jachmann, Geld hilft nicht. Der Junge muss raus aus der Angst.“ In diesem Satz ist alles enthalten.

Inwiefern?

Schumacher: Ans Geld zu glauben, reicht im Leben nicht. Man muss auch Haltung haben. Mia Pinneberg lebt ihrem Sohn ein interessantes Model vor. Sie handelt selbstbewusst, unabhängig, ist sogar sexuell selbstbestimmt und regt sich deshalb völlig zu Recht über die Spießigkeit ihres Sohnes auf: weil er ihr ehrliches Geschäft mit seiner sehr vordergründigen Moral in ein verwerfliches umdeutet. Er untersucht ihr Leben viel genauer als sein eigenes. Das ist eine sehr spießige Haltung.

Lämmchen muss doch angesichts dieses Spießertums verzweifeln.

Schumacher: Tut sie nicht, sie liebt ihn. Das ist eine sehr spannende Figur, weil sie immer im rechten Moment das Richtige sagt und das auf die einfachste Weise. Übrigens erfährt sie, die aus einem Proletarierhaushalt kommt, einen Aufstieg, wenn sie mit einem Angestellten zusammenkommt.

Lebte dieses Paar heute, würde sie sich von ihm trennen.

Schumacher: Kann sein. Ich glaube aber auch, dass es eine Figur wie Lämmchen in Wirklichkeit gar nicht gibt. Fallada selbst ist mal gefragt worden, was denn seine Lösung eine schlechte Gesellschaft wäre. Darauf antwortete er: „Lämmchen wäre die Lösung.“ Lämmchen schafft ein liebevolles Klima der Zugewandtheit, des Zusammenhalts und ist ohne Eitelkeit im Trösten und Unterstützen.

Was bedeutet, dass die Lösung nicht existiert?

Schumacher: Was bedeutet, dass die Lösung in der Liebe besteht. Lämmchen erduldet viel, hält immer zu ihrem Mann. Ich glaube, dass diese Beziehung heute wohl scheitern würde, weil eine solche Größe nur selten anzutreffen ist.

Historisch gesehen folgt auf die Zeit der Entsolidarisierung das Dritte Reich: Falladas Roman erschien 1932. Was bedeutet das für unsere gegenwärtige Tendenz zur Vereinzelung?

Schumacher: Das kann ich nicht wissen. Ich kann nur feststellen, dass mir an dieser Figur der Sinn für Solidarisierung fehlt. Auch der Wille, mal über den Tellerrand zu blicken: Ich kann doch mein eigenes Verhalten nur überdenken, wenn ich etwas von der Gesellschaft mitbekomme, in der ich lebe.

Gelingt uns das besser als Johannes Pinneberg?

Schumacher: Ich glaube, dass das zu jeder Zeit eine Herausforderung gewesen ist. Heute kommt hinzu, dass unsere Kommunikation ganz anders strukturiert ist. Kritisch könnte man es vielleicht so formulieren: Wir vereinzeln, weil wir glauben, dass wir zuhause trotzdem an die Welt angeschlossen sind.

Premiere am Donnerstag um 19.30 Uhr im Theater am Goetheplatz.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Die beliebtesten Kuchenklassiker und Tortenträume

Die beliebtesten Kuchenklassiker und Tortenträume

Bill und Melinda Gates lassen sich scheiden

Bill und Melinda Gates lassen sich scheiden

Vettel ohne Chance bei nächstem Hamilton-Sieg

Vettel ohne Chance bei nächstem Hamilton-Sieg

Linke Demos zum 1. Mai - Krawalle in mehreren Städten

Linke Demos zum 1. Mai - Krawalle in mehreren Städten

Meistgelesene Artikel

„Halbtot, durchgekifft, unberechenbar“

„Halbtot, durchgekifft, unberechenbar“

„Halbtot, durchgekifft, unberechenbar“
Widerstand lohnt sich nicht

Widerstand lohnt sich nicht

Widerstand lohnt sich nicht
„In Wahrheit mache ich nichts anderes, als Grenzen zu versetzen“

„In Wahrheit mache ich nichts anderes, als Grenzen zu versetzen“

„In Wahrheit mache ich nichts anderes, als Grenzen zu versetzen“
Von heimischen Wänden

Von heimischen Wänden

Von heimischen Wänden

Kommentare