Giuseppe Verdis „Der Troubadour“ im Oldenburgischen Staatstheater enttäuschte szenisch

Vom Regisseur getrennt und verloren

Unklare Seelendramen: Die Rettung des „Troubadours“ ist in Oldenburg nicht geglückt.

Von Markus WilksOLDENBURG (Eig. Ber.) · Ein paar Tage vor der Premiere trennt man sich vom Regisseur, dann verletzt sich ein Sänger, ein anderer wird krank und außerdem fällt die neue Übertitelanlage aus. Diesen Alptraum eines jeden Intendanten musste das Oldenburgische Staatstheater in der Schlussprobenphase von Verdis Oper „Der Troubadour“ erleben. So geriet die Premiere trotz einer überragenden Orchesterleistung zu einer Mischung aus halbkonzertanter Darbietung und unfreiwilliger Opernparodie.

Das Oldenburger Premierenpublikum ist traditionell vergleichsweise tolerant eingestellt bezüglich der Konzeption und Realisierung von Operninszenierungen. Das war nun bei der ersten Vorstellung von Giuseppe Verdis „Der Troubadour“ nicht anders, obwohl das Ergebnis einen Tiefpunkt der sonst so erfolgreichen letzten Jahre darstellt. Als Intendant Markus Müller vor den Vorhang trat, hätte man lautstark applaudieren wollen, dass da ein Intendant die Courage besitzt, sich von einem Regisseur zu trennen, der das angekündigte Regiekonzept nicht umsetzen konnte oder wollte. Die letzten Probentage und die Verantwortung für Regie und Ausstattung hatte die „Theaterleitung“ übernommen. Doch dem jetzt der Öffentlichkeit vorgestellten „Troubadour“ fehlte über weite Phasen nicht nur die Personenführung, sondern zugleich Konzept und Ziel: Die Inszenierung schwankte unausgeglichen und unprofessionell durchgeführt zwischen der Bebilderung der verworrenen Handlung, Aktualisierung, Fokussierung auf bestimmte Themen sowie einer abstrahierten Darstellung.

Man hätte den „Troubadour“ konsequenterweise konzertant spielen sollen. Von den Ideen des ursprünglich verpflichteten Regisseurs Sven Holm, die in verschiedenen Interviews und Vorberichten zu lesen waren, blieb nichts über. So starrte man auf die fast leergeräumte Bühne und wunderte sich unter anderem, warum da irgendeine Partygesellschaft in kleinen Zelten haust, die dunkelblonde Zigeunerin Azucena in einem Wohnwagen lebt und Leonora von einem Brautchor ins Kloster verabschiedet wird. Die psychologisch so reizvolle wie dankbare Konstellation zwischen Leonora, ihrem Geliebten Manrico und dem eifersüchtigen Grafen Luna fand quasi nicht statt. Ebenso unklar blieben die Seelendramen, die daraus resultieren, dass Azucena einst Lunas Vater den zweiten Sohn geraubt, unglücklicherweise ihren eigenen Sohn ins Feuer geworfen und dann den geraubten ihn als ihren Sohn Manrico ausgegeben hat.

Bei einigen Gesangsleistungen musste man bisweilen leider an Carusos so realistischen Spruch von den vier besten Sängern der Welt denken, die man für den „Troubadour“ benötigt. So hörte man bei dem insgesamt sehr bemühten Alexej Kosarev nicht nur strahlende Töne, sondern spürte auch die enormen Schwierigkeiten, die Verdi in die Tenorpartie des Manrico gelegt hat. Peter Felix Bauer (Luna) besitzt einen interessant timbrierten lyrischen Bariton, der technisch aber unausgereift ist. Andrey Valiguras (Ferrando) produzierte schöne, dunkle Bassklänge, verzichtete jedoch auf Zwischentöne und Leichtigkeit in der Tongebung. Dieses hingegen waren die Stärken von Zdravka Ambric, die als Azucena wie schon vor gut zwei Jahren in Bremerhaven zu jung besetzt war. Sie setzte ihren ungewöhnlich dunklen, gut geschulten Alt zumeist sehr geschickt ein, obgleich sie ihn manchmal auch zu sehr ausufern ließ. Irina Wischnizkaja ist eigentlich alles andere als eine dramatische Verdi-Sopranistin, sondern eher im lyrischen Koloraturfach zu Hause. Doch schon in der „Madama Butterfly“ hatte sie bewiesen, dass sie vermeintlich ungeeignete Partien meistern kann. So reüssierte sie auch als Leonora, selbst wenn ihr Sopran im Zuge der Beschäftigung mit solchen Partien an Höhenglanz und –sicherheit verloren hat. Schließlich ist ihr der szenische Höhepunkt des Abends zu verdanken, denn in der großen Arie, in der sich Leonora auf den Selbstmord vorbereitet, faszinierte sie als nach außen hin zerbrechliche, doch innerlich starke Frau, die trotz aller Seelenschmerzen Größe ausstrahlt.

Das Beste zum Schluss: So wie Gastdirigentin Karen Kamensek die Chöre (Einstudierung: Wilhelm Hofmann) und das Staatsorchester auf Verdi eingeschworen hat, ist das eine echte Meisterleistung. Die stellvertretende Generalmusikdirektorin der Staatsoper Hamburg widmete sich der Partitur mit größter Sorgfalt und achtete penibel auf eine saubere, detailliert artikulierte Spielweise, ohne dabei die Leidenschaft für ein packendes Verdi-Drama zu verlieren. Das kann man kaum besser machen, zumal Karen Kamensek nicht nur selbstbewusste führte, sondern zugleich mit den Sängern atmete. Ein Hörgenuss.

Weitere Vorstellungen: am 27. Januar sowie am 10. und 26. Februar, jeweils um 19.30 Uhr im Oldenburgischen Staatstheater.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Hallo-Verden-Festival in der Stadthalle

Hallo-Verden-Festival in der Stadthalle

Band Aha spielt vor ausverkaufter Bremer Stadthalle

Band Aha spielt vor ausverkaufter Bremer Stadthalle

Löw-Team bucht EM-Ticket - "Sehr zufrieden"

Löw-Team bucht EM-Ticket - "Sehr zufrieden"

Jahrestag der Proteste: "Gelbwesten" demonstrieren in Paris

Jahrestag der Proteste: "Gelbwesten" demonstrieren in Paris

Meistgelesene Artikel

Im barocken Zaubertheater

Im barocken Zaubertheater

Wiedergänger mit Herz

Wiedergänger mit Herz

Wahn und Wirklichkeit

Wahn und Wirklichkeit

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

Kommentare