Regisseur Benedikt von Peter und Dirigent Markus Poschner über ihre Bremer „Entführung aus dem Serail“

Roboter in der Mozartmaschine

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…und Dirigent Markus Poschner üben sich mit Mozart in der Kunst der Selbstbefragung.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Seit 2005 arbeiten die Regisseurin Monika Gintersdorfer und der bildende Künstler Knut Klaßen zusammen mit Künstlern aus der Elfenbeinküste. Gintersdorfer/Klaßen war von 2012 bis 2014 Artist in Residence am Theater Bremen, hat hier vier Produktionen erarbeitet und diverse Gastspiele gezeigt. Nun trifft sie mit Mozarts 1782 entstandener „Entführung aus dem Serail“ erstmals auf die Oper.

Die Premiere mit dem Namen „Les Robots ne connaissent pas le Blues oder Die Entführung aus dem Serail“ steht im Zentrum von vier Festivaltagen, die sich unter dem Titel „Kidnapping Mozart“ mit afrikanischen und europäischen Positionen zum politischen Musiktheater befassen. Neben Gintersdorfer/Klaßen wird die Aufführung von dem Musiker Ted Gaier von den „Goldenen Zitronen“ verantwortet sowie von Benedikt von Peter, dem Leiter des Musiktheaters in Bremen.

Auch die Bremer Philharmoniker unter der Leitung von Markus Poschner stehen wieder vor ungewöhnlichen und experimentellen Aufgaben. Was den Zuschauer erwartet, erläutern Poschner und von Peter im Gespräch mit unserer Zeitung.

Ted Gaier von den Goldenen Zitronen, die Performancekombo Gintersdorfer/Klaßen, Benedikt von Peter und Markus Poschner sind die Autoren dieses Abends. Können Sie uns erläutern, wie es zu diesem Projekt kam?

Benedikt von Peter: Wir haben uns im Laufe der Jahre, die wir alle am Theater Bremen gearbeitet haben, kennengelernt und Interesse für die Arbeit der anderen entwickelt. Wir sind ins Gespräch gekommen und die Lust auf eine gemeinsame Arbeit ist entstanden. Die Unterschiedlichkeit unserer Hintergründe und Erfahrungen ist sehr produktiv, die Verantwortung ruht auf vielen verschiedenen Schultern. Es gibt nicht den einen Regisseurskopf, dem alles entspringt, sondern wir entwickeln diesen Abend tatsächlich gemeinsam. Deswegen ist es auch etwas merkwürdig, hier ohne Monika Gintersdorfer zu sitzen.

Markus Poschner: Ich würde sagen, dass wir gar nicht so unterschiedlich sind wie es scheint. Und der Ausgangspunkt bleibt ja Mozart.

Es geht in Mozarts „Entführung“ um die Befreiung von zwei Europäerinnen aus den Fängen eines türkischen Sultans, der in die eine verliebt ist, und um die Frage, ob das monogame Liebeskonzept des Bürgertums im Vergleich zu anderen Liebeskonzepten eher Glücksverheißung oder Geißel ist. Es geht um das Aufeinandertreffen von zwei Kulturen. Was möchten Sie betonen, wenn Sie im französischen Teil des Titels sagen, dass die Roboter den Blues nicht kennen?

Von Peter: Es geht eben nicht nur um Mozart. Der Begriff der Roboter ist verschieden deutbar, zum einen geht es um den maschinellen Sound der elektronischen Musik, zum anderen aber eben auch um die extreme Disziplinierung und Maschinisierung von Opernsängern, die ohne Rücksicht auf persönliche oder körperliche Verfassung immer Höchstleistung erbringen müssen.

Sind die Figuren der Oper in ihren seelischen Verflechtungen noch erkennbar?

Von Peter: Wir erzählen zwar die Handlung der „Entführung“, aber es werden keine konkreten Szenen gespielt. Gespielt und gezeigt wird ein Nachdenken über den Kontext der Oper und deren zentrale Themen.

Poschner: Diese Produktion dringt sehr tief zu den Grundpfeilern unseres Musizierens vor. In der Oper zum Beispiel sind Arien häufig Ausdruck von Schmerz, aber dass sich Schmerz ausgerechnet über hochkomplexe Koloraturen ausdrückt, ist alles andere als selbstverständlich, die Ivorer haben dafür ganz andere Strategien. Wir versuchen dabei auch, die Oper zu entmystifizieren, ihren Herstellungsmechanismus transparent zu machen.

Herr von Peter, warum hat es Ihnen nicht gereicht, dieses seelisch so reiche Stück zu inszenieren? Was war Ihr Erkenntnisinteresse?

Von Peter: Ich will das Stück nicht inszenieren. Es ist voller Rassismen und Exotismen, und der ganze Kontext von Aufklärung, vom Jahrestag des Siegs über die Osmanen, von der Feier der europäischen Monogamie müsste darin vorkommen, dazu ein gewalttätiger Türke und der nationale Stolz über das deutsche Singspiel – das ist sehr überfrachtet und man riskiert Undifferenziertheit. Die Form, die wir jetzt entwickeln, ist durchlässig, komplex und widersprüchlich und das entspricht eher der Kompliziertheit der vielen Themen als eine geschlossene Inszenierung.

Neben dem Aufeinandertreffen einer afrikanischen und einer europäischen Tradition gibt es ja auch noch das Aufeinandertreffen verschiedener Sparten. Sie arbeiten mit Tänzern, Sängern, Schauspielern: Was sind da die Herausforderungen? Jede Sparte hat ja sehr spezielle Arbeitsweisen.

Poschner: Wir proben deswegen anders als sonst. Unsere Arbeit ist normalerweise sehr ritualisiert und auch reglementiert. Für dieses Projekt haben wir andere Probenstrukturen entwickelt, andere Zeitpläne, andere Gesprächsformate. Und auch inhaltlich ergibt diese Veränderung und Anpassung der Arbeitsprozesse neue Impulse.

Herr Poschner, wie hat das Orchester reagiert, am Spielzeitende noch einmal in ein Experiment einzusteigen?

Poschner: Sehr gut. Sie sind das inzwischen ja auch gewöhnt.

Von Peter: Es ist eine sehr befreiende Arbeit, weil sie keinen Absolutheitsanspruch hat, aber vielleicht auch gerade deswegen besonders erkenntnisreich ist. In dem sehr stabilen Gebäude Oper wissen normaler Weise alle immer alles und am Ende gibt es einen, der es am Besten weiß. Hier ist das nicht so. Wir suchen und betonen nicht die Gemeinsamkeiten, sondern suchen auch die Differenzen.

Poschner: Es geht auch um Selbstbefragung. Es tut gut, sich selber mal ein Bein zu stellen.

„Les Robots ne connaissant pas le blues oder Die Entführung aus dem Serail“. Musiktheater von Ted Gaier, Gintersdorfer/Klaßen, Benedikt von Peter und Markus Poschner. Premiere am Samstag um 19.30 Uhr. Musikalische Leitung: Markus Poschner, Regie: Monika Gintersdorfer/Benedikt von Peter, Bühne und Kostüme: Knut Klaßen, Sound: Ted Gaier

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