„Larger than Life“: In einer Industrieruine zeigt die Nachwuchssparte des Bremer Theaters, was großes Schauspiel ist

Rechter Kampf für die linke Sache

Treue deutsche Jugend: Im „Ratzinger Hof“ wird wieder marschiert. ·
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Treue deutsche Jugend: Im „Ratzinger Hof“ wird wieder marschiert.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Reden wir nicht lange drum herum. Was da am Donnerstagabend irgendwo in Bremen-Sebaldsbrück Premiere hatte, diese allzu vertraute Art Happening zum viel strapazierten Thema Rechtsextremismus mit den zu erwartenden Mahnungen und Warnungen: Es ist das Theaterereignis des Jahres.

„Larger than Life“ heißt die Produktion der Theaterschule „Junge Akteure“, einer Sparte des Bremer Theaters. Es geht um das Leben des Herbert Schlageter, eine fiktive Figur, angelehnt an die Biografie des einstigen Neonazis und PLO-Aktivisten Odfried Hepp. Eigentlich aber geht es um die Frage danach, warum wir werden, was wir sind, und wie sich scheinbare Gesinnungswechsel als schlüssige Konsequenz entpuppen können.

Regisseur Mirko Borscht hat dazu in ein verlassenes Industriegebäude geladen, unweit des Treffpunkts am Sebaldsbrücker Bahnhofs. Den Weg dahin weist ein Herr in altmodischem Anzug: Herbert Schlageter (Michael Janssen). Mit Mikrofon und Lautsprecher bewaffnet, stellt er der theatralen Reisegruppe sein Leben vor. Das beginnt in der Haupthalle des Gebäudes, die sich in eine Wirtsstube namens „Zum Ratzinger Hof“ verwandelt hat.

Dicker Dunst hängt in der Luft, Hirschgeweihe und Biertische, so weit das Auge reicht: ein Prosit der Gemütlichkeit, die Wand ziert ein neofaschistisch anmutendes Gemälde. Unter Lampen mit Spitzenmuster nimmt man zaghaft Platz, mancher Besucher sieht so aus, als sei er eigentlich als Darsteller vorgesehen.

Und tatsächlich schält sich aus den beklommenen Unterhaltungen irgendwo da hinten ein Gespräch abseits des üblichen Diskurses heraus. „Nein, du darfst dir nicht die Nase putzen!“, brüllt ein unleidlicher Gast. Wer sich da nicht die Nase putzen darf, ist das Mädchen zu seiner Linken, ein trotzig dreinblickender Teenager (Sarah Bongartz als Karin Schlageter). Der das Naseputzen verbietet, stellt sich bald als Vater Armin Schlageter vor (Lars Vockensohn). Und das stolze Bürschchen zu seiner Rechten, in strammen Lederhosen mit zackig gegeltem Seitenscheitel ist er: Herbert Schlageter, hier in jungen Jahren (Hannah Aulepp), Sohn eines herrischen Mannes mit unverkennbarem Weltkriegstrauma.

Wir erleben die Prägung einer Jugend unter dem Druck unbewältigter Psychosen der Eltern, die fast schon zwangsläufige Spaltung der Kinder in strickte Unterwerfung einerseits und ebenso strickte Rebellion andererseits. Auch das robusteste Klischee der trauten deutschen Familienidylle vermag einem solchen Druck nicht Stand zu halten, weshalb wir schon bald einem Ehekrach mit anschließender Trennung hautnah beiwohnen dürfen. Frau Schlageter (Jessica Coels) zieht in ihre eigene Wohnung draußen im Flur des Gebäudes. Die Töchter kommen mit, Herbert zieht seinen Brüllpapa vor.

Frau Schlageter in ihre Wohnung folgen oder beim kleinen Herbert bleiben? Man hat die Wahl an diesem Abend. Wer etwa draußen beim Freizeitlager der „Treuen Deutschen Jugend“ nach dem oder besser den Rechten sieht, der wird verpassen, wie Armin Schlageter seinen Sohn davon überzeugt, sich dieser Truppe anzuschließen. Dafür lernt man sie rechtzeitig kennen: die strammen Mädchen in Uniformen, die auf Halstüchern ein verdächtiges Symbol spazieren tragen. Genau genommen handelt es sich um das Pfeil-Logo des Bremer Theaters, montiert zu einem Hakenkreuz.

Drinnen, in Frau Schlageters Siebziger-Jahre-Wohnung kann man zwei dieser Mädchen bald auf dem Sofa sitzen sehen. Wie sie ihrer Gastgeberin mit naivem Augenaufschlag von den ausländischen Kindern berichten, die den „arischen“ den Kopf verdrehen. Woraufhin die zu spinnen anfangen, weshalb sich dann die Eltern streiten. Was den Familienzerfall zur Folge hat und bald auch den Staatszerfall. Was die Ausländerkinder von Anfang an gewollt haben. Ganz natürlich perlt ihnen das über die Lippen, eine in ihrer Alltagsbanalität bestürzende Szene.

Hinter dem Gebäude fallen bald Schüsse. Wer sich von Frau Schlageters Wohnung losreißen kann, trifft dort auf einen weiteren Herbert Schlageter: den jugendlichen Abenteurer in Soldatenuniform (Nicolai Gonther), angetreten, um im Libanon für die PLO gegen den Zionismus zu kämpfen. Während Herbert, der Grundschüler, nebenan noch am Lagerfeuer vom großdeutschen Reich träumt, darf Herbert, der Soldat, durch den Schlamm robben. Das alles zu einer Zeit, in der wenige Kilometer weiter deutsche Linksextremisten von der RAF ihre eigene PLO-Ausbildung antreten.

Als dann auch noch ein PLO-Mann (Berkkan Ali Güngör) von Israelis erschossen wird und die gefundene Patronenhülse sich ausgerechnet als westdeutsches Exportprodukt erweist, zeigt sich bald die Brüchigkeit starrer Ideologien. Wer kämpft hier eigentlich auf welcher Seite für welches Deutschland?

Dass Herbert Schlageter bald in linker Rockstarkluft vor dem Israel-Freund Franz-Josef Strauß‘ warnt, erscheint da nur noch als logische Folge der Ereignisse. Wenngleich dem kleinen Herbert das nicht behagen mag. „Wollt ihr etwa das sein, was ich einmal werde?“, fragt er mit schreckgeweiteten Augen, als er seine älteren Parallel identitäten endlich erkennt.

Was Regisseur Borscht zeigt, ist nichts weiter als das gute alte Illusionstheater. Es ist jedoch eine Illusion, die auf das Bewusstsein in beispielloser Radikalität einwirkt. Das liegt zum einen an der extremen Nähe des Zuschauers zum Geschehen. Er sitzt buchstäblich mit am Esstisch, ohne jemals in die Fiktion hineingezogen zu werden – für die Akteure ist er Luft.

Das liegt zum anderen am gleichzeitigen Ablauf mehrer Handlungsstränge. In einer zwangsläufig fragmentarischen Wahrnehmung kann sich Wirklichkeit auf grausamere Weise zeigen als in einer vollständig auserzählten Dramatik.

Das liegt zum Dritten an Darstellern, die ein staunenswertes Bewusstsein um die sozialen Einwirkungen auf ihre jeweilige Figur offenbaren. Auch wenn die Bedingungen sich nicht mit der klassischen Bühnensituation vergleichen lassen, kann das hier gezeigte Niveau von Haltung und Ausdruck nur verblüffen.

Vergesst die bedeutungsschwere Symbolik des Desillusionstheaters, begrabt die Programmhefte mit ihren verquasten Dramaturgen-Selbstgesprächen! Das Leben ist immer noch das größte Theater. Und selten war es größer als im „Ratzinger Hof“: einer trostlosen Ruine in Bremen-Sebaldsbrück.

Weitere Vorstellungen: morgen sowie am 12., 14., 15., 19. und 21. bis 23. Juni, jeweils um 19 Uhr. Treffpunkt: Unterführung Bahnhof Sebaldsbrück.

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