Patti Smith und ihre Band im Hamburger Stadtpark

Rebellentum mit Sonnenbad

Da die Bildagentur kurzfristig umdisponierte, ein Foto aus dem Archiv: Patti Smith beim Festival in Roskilde 2010. ·
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Da die Bildagentur kurzfristig umdisponierte, ein Foto aus dem Archiv: Patti Smith beim Festival in Roskilde 2010. ·

Hamburg - Von Rainer Beßling. Einen Song widmet sie ihrem Freund Johnny Depp. Eine tiefe Verbeugung aber macht Patti Smith am Samstag bei ihrem Konzert im Hamburger Stadtpark vor einem anderen Mann. Verknüpft mit ihrem Hit „Gloria“ skandiert sie „S-N-O-W-D-E-N“.

Und im Ausklang ihres Songs „Rock´n‘`Roll Nigger“ reckt die Punk-Pionierin für den derzeit meistbeachteten Outsider die Faust. Mit Zorn und Leidenschaft kommentiert die Rock-Rebellin seit den 70er-Jahren gesellschaftliche Verkrustungen und politische Korruption. Gleichzeitig entwirft sie in zart-bitterer Poesie die schönsten Gegenwelten zur ernüchternden Wirklichkeit. „Because The Night“ ist solch eine zugleich anrührende und aufrührerische Hymne auf die Liebe und die Lust. Nichts daran klingt an diesem Abend abgestanden oder historisch. Patti Smith hat ihre Kraft und ihr Charisma steigern können. Ihre Stimme ist reifer und sicherer geworden, sie verfügt über viele Farben vom kratzig-schmutzigen Aufschrei bis zum lyrischen Ton, wenn sie beispielsweise Neil Youngs hinreißende Ballade „It‘s a Dream“ interpretiert.

Appelliert sie in Songs wie „People Have The Power“ an die Macht des Aufständischen, ruft sie das Hamburger Publikum auch auf, die Zukunft hier und jetzt in die Hand zu nehmen, beschwört sie in Stücken wie dem Neil-Young-Cover doch zugleich das subversive Potenzial der Verweigerung, der Besinnung auf die eigenen Empfindungen. Viele Träume habe sie in ihrer Kindheit gehabt, sagt die inzwischen 66-Jährige in einem Film-Porträt, wie die Callas habe sie singen, Künstlerin werden wollen und Dichterin. Niemals habe sie an ein Leben als Rock-Sängerin gedacht.

Die Flucht vor dem miefig Provinziellen, der körperliche Umgang mit dem Wort, ein eigener Rhythmus bringt sie zum Rock‘n‘Roll. Als sie merkt, dass ihr der rasche Erfolg nicht gut tut, zieht sie sich in Ehe und Mutterschaft zurück. Sie schreibt und sie liest weiter, vor allem hält sie den Anschluss an die Wirklichkeit abseits der Musikbusiness-Blasen. Bei ihrer Rückkehr zum Rock bringt sie all diese Erfahrungen, Impulse und Inhalte zusammen. Und das hört man ihrer Musik an, das spürt man an ihrer Präsenz an diesem Sommerabend in Hamburg, an dem die Sonne das Rebellische zu mildern und die träumerischen Entwürfe stärker auszuleuchten scheint.

Mit „Banga“ hat Patti Smith im vergangenen Jahr eines ihrer besten Alben vorgelegt. Auch wenn sie im Stadtpark viele herausragende Songs früherer Veröffentlichungen singt – ein mitreißendes „Ask the Angels“ aus „Radio Ethiopia“, das melodisch verführerische „Frederick“ aus „Wave“, „People have the power“ von „Dream of Life“ und „Gloria“ von „Horses“ – ist es doch die eher innerliche Intensität der neue Scheibe, die ihr Hamburger Konzert prägt. Die Anregung für das Titelstück gab ein Hund in Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“. In der Schilderung der unbedingten Liebe des Tieres schwingt die Frage mit, wie auf unsere Zuneigung gezählt werden kann. Patti Smith gelingen solche Erkundungen menschlicher Schwächen und Stärken ohne jegliche Sentimentalität. Bei dem Entwurf des Songs „Banga“ leistete Johnny Depp übrigens nicht unwesentlich Hilfe.

Das Konzert in Hamburg ist wie aus einem Guss, in sich folgerichtig und gleichbleibend spannungsvoll. Die Band, langjährige Begleiter von Patti Smith, liefern schnörkellosen Rock mit Energie und Wucht ab. In dieser dichten Performance aus einem gemeinsamen – nicht nur musikalischen Verständnis heraus – gibt es keinen Platz für eitle Virtuosität. Die Soli bleiben überschaubar. Lenny Kaye übernimmt bei einem Band-Medley das Mikrofon.

Zu der Haltung der Instrumentalisten passt die Gestik der Sängerin, die wohltuend von keiner Entertainment-Choreographie verseucht ist. Patti Smith singt und rezitiert zugleich, ihre fließenden Körperbewegungen tragen die Songs ins Publikum. Die „einzige wahre Schamanin in der Rockmusik“, wie ein New Yorker Magazin formulierte, zelebriert magisch Wut und Wehmut, und das Publikum, die meisten musikalisch und weltanschaulich in den 60er- und 70er-Jahren sozialisiert, hängt an ihren Lippen.

Es schwebt ein großes „Weißt du noch, damals“ über dem idyllischen Open-Air-Rund. Bei einem Titel wie „Beneath The Southern Cross“, in dem sich hartnäckige Gitarren-Riffs orgiastisch steigern, dürften mancher an die psychedelische Klangwucht früherer Tage erinnert sein. Doch bei aller Erinnerung und Rückversicherung an vergangene Gefühle und Gedanken ist dieses keine Veranstaltung von gestern. Integrations- und Identifikationsfiguren wie Patti Smith sind alterslos, weil sie dem Wesen der Wirklichkeit durch alle äußeren Veränderungen hindurch auf der Fährte bleiben.

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