„Sex Revolts“ von Joy Press und Simon Reynolds neu aufgelegt

Rebellen mit ödipalem Gepäck

Zwischen Misogynie und Weichheit: Jazz-Trompeter Miles Davis. Foto: Imago

Bremen - Von Benjamin Moldenhauer. Adoleszenz ist anstrengend und viele, vielleicht der überwiegende Teil der Jugendlichen schrammt am Wahnsinn vorbei in den schweren Jahren zwischen 13 und 21. Gut ist, wenn man im Symbolischen Halt und Trost findet. Gestützt wurde die aufgepeitschte, in gewisser Weise verwirrte, andererseits glasklare Jugend durch Pop: Musik, Bilder, Gesten und Haltung, mittels derer sich die Welt erschließen ließ. Heute ist Popmusik nicht mehr so zentral und vielleicht gar nicht mehr die wichtigste Weltzugangsmöglichkeit (bei gleichzeitiger Flucht vor der Welt, das ist ja das Schöne an der Sache). Aber für die meisten Menschen, die – grob – nach dem Zweiten Weltkrieg und vor – sehr grob – 1990 geboren wurden, waren die populären Künste im Allgemeinen und speziell Popmusik oft das maßgebliche Tor zur Welt.

So weit, so gut. Und so selbstverständlich, für all die jungen Männer, die von all der Wut, der Weltablehnung von Rock und Artverwandtem, der einen nicht hart, sondern weich machen sollte. Selbstverständlich und deswegen meist unbemerkt blieb, wie stählern auch noch die rebellischsten Rock-, Punk-, Punkrock- und HipHop-Gesten eingespannt waren in die herrschende Geschlechtermatrix. Und noch immer sind.

Die Literaturkritikerin Joy Press hat mit ihrem Mann, dem britischen Musikjournalisten Simon Reynolds, 1996 ein grundlegendes Buch über Geschlechterverhältnis im Pop geschrieben. Dass die erste Übersetzung in deutscher Sprache sich über zwanzig Jahre später liest, als wäre es gestern geschrieben worden, mag damit zu tun haben, dass Bücher, die die herrschende Geschlechtermatrix grundlegend infrage stellen, recht gut altern, vielleicht einfach deswegen, weil sich grundlegend wenig ändert.

Das gleiche gilt auch für die kürzlich erschienene Neuauflage von Klaus Theweleits „Männerphantasien“, das Press und Reynolds als zentrale theoretische Referenz für das erste Drittel von „Sex Revolts“ (Ventil-Verlag, 30 Euro) anführen. Von Mick Jagger und Jim Morrison über Led Zeppelin über The Clash und U2, bis hin zur Verkultung von Mörder- und Psychopathenfiguren im Werk von Nick Cave und Post-Hardcore-Bands wie Big Black: Die Rock-Geschichte wird nach Press und Reynolds befeuert von einem diffusen Gemisch aus Allmachtsfantasie, Selbstzerstörung und Kastrationsangst beim gleichzeitig immer wieder durchscheinenden Sehnen nach Ruhe und Frieden.

Die Penisparade, die „Sex Revolts“ in schlüssigen Kategorien bündelt, ist einerseits deprimierend: Es wimmelt auf den ersten 150 Seiten von Rebellen und Freiheitskämpfern, die mit einem Mal als frauenverachtende Bindungsunfähige mit ungeklärtem ödipalen Gepäck auf der Flucht vor der immer drohenden Häuslichkeit erscheinen. Allerdings haben Press und Reynolds einen Ton im gemeinsamen Schreiben gefunden, der erkennen lässt, dass hier nichts zertrümmert werden soll. Sondern analysiert und verstanden. Was, wenn man auch als Fan dieser Musik schreibt oder liest und das, was man in „Sex Revolts“ liest, ernst nimmt, immer auch eine Selbstüberprüfung bedeutet. Die gleichfalls nicht zwangsläufig vorteilhaft ausfallen muss.

Der zweite und der dritte Teil von „Sex Revolts“ nimmt jeweils gegenläufige Tendenzen in den Blick, die allerdings im selben Maße verbunden bleiben mit den das Feld im Wesentlichen bestimmenden Gegensatzpaaren: Reynolds und Press nennen unter anderem männlich/weiblich, Verstand/Körper, Kultur/Natur und Aktivität/Passivität.

Die Psychedelik, das erste Gegenmodell, affirmiert erst einmal nur das, was die Körperpanzer nicht zulassen – Weichheit, Hingabe, Ozeanisches, Schlaf, Auflösung. Can, Brian Eno („eine Entmannung der Rockmusik“) und My Bloody Valentine spielen zentrale Rollen: „Wo Can Anmut darin fanden, sich vom Flow des Rhythmus einverleiben zu lassen, setzt Eno dasselbe Gefühl mit Stillstand und Ruhe gleich.“

Allerdings wird es nie schematisch: Press und Reynolds hören wieder genau hin, und finden auch bei den Klassikern widerstreitende Impulse. Zum Beispiel bei Jimi Hendrix und Miles Davis, deren Werk sowohl von Misogynie wie auch von dem Wunsch nach Weichheit und Wasser bestimmt zu sein scheint.

Der dritte und letzte Teil des Buches liest sich heute am aktuellsten und bestimmt verschiedene Möglichkeiten, als Musikerin zu intervenieren und sich seinen Platz zu erstreiten. Das reicht von der Imitation „männlich“ codierten Rebellentums (Joan Jett, L7), der Betonung von als „weiblich“ codierten Eigenschaften (Janis Joplin, Lydia Lunch), Maskerade (Kate Bush, Annie Lennox) und schließlich der Versuch, sich Zuschreibungen radikal zu entziehen (Throwing Muses, Hole).

Im letzten Teil wird dann doch die Zeitgebundenheit des Buches spürbar. Man sollte als Ergänzung zu „Sex Revolts“ die Kommentare lesen, die Männer zum Beispiel zu Auftritten von Billie Eilish im Netz hinterlassen. Während sich bei den etablierten Rollenangeboten in den vergangenen Jahren nicht mehr allzu viel getan hat, sind zurzeit verstärkt Künstler unterwegs, die das Feld der Möglichkeiten erweitert haben, nicht mehr bezogen sind auf männlich definierte Zeichen und nicht einmal mehr ihre Dekonstruktion forcieren; sondern die sich für das, was einen in den eignen Ausdrucksmöglichkeiten begrenzt und abschnürt, schlicht nicht mehr sonderlich interessieren. Das ist von allen narzisstischen Kränkungen offenbar eine der größten.

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