Alain Platels Choreographie „Out of Context – for Pina“ räumte beim Tanztheater-Festival Hannover ab

„Do You Really Want To Hurt Me“

Beherrschte Körper: „les ballets C de la B“

Von Jörg WoratHANNOVER (Eig. Ber.) · Zweimal ausverkauft, vorab als Höhepunkt des Festivals „TANZtheater FESTIVAL“ gefeiert und in der Orangerie dann auch frenetisch bejubelt: Alain Platels Choreographie „Out of Context – for Pina“ räumte mächtig ab. Warum eigentlich?

Sicher, die neun Akteure von „les ballets C de la B“ verfügen über eine fantastische Körperbeherrschung – die in Belgien beheimatete Multi-Kulti-Truppe gehört allemal in die Champions League der Zunft. Schön auch, in diesen hektischen Zeiten zu erleben, wie sich da jemand Zeit lässt: Es dauert wenigstens acht Minuten, bis die Tänzerinnen und Tänzer nach und nach auf der Bühne eingetrudelt sind, sich gemächlich der Kleidung bis auf die Unterwäsche entledigt haben und in die Bewegungssequenzen einsteigen. Am Ende zieht sich die Compagnie in ähnlicher Geschwindigkeit wieder an und verschwindet über die Hinterbühne.

So weit, so gut. Das Problem ist, was dazwischen liegt. Denn die rund 90-minütige Performance leidet unter einer wenig überzeugenden Gesamtdramaturgie und scheint auch inhaltlich nicht ausgereift. Es ist fraglos ein interessanter Ansatz, gerade diejenigen Formen von Körperausdruck zu beleuchten, die üblicherweise als überspannt, unerwünscht, ja krankhaft angesehen werden: die gesamte Palette der Tics und sonstiger „Bewegungsstörungen“. Und so zucken die Akteure ausführlich, grimassieren, beschnüffeln sich, stoßen kuriose Geräusche aus und staksen umher, als wollten sie für den „Monty-Python“-Sketch „The Ministry of Silly Walks“ trainieren.

Eine wichtige Rolle spielen dabei Mikrophone, die einigermaßen zweckentfremdend eingesetzt werden, mehrfach zum Beispiel mit lautem Knallen auf den Boden fliegen. Das Ergebnis mag man mit viel gutem Willen „originell“ nennen – oder aber „penetrant“.

Irgendwann in der Mitte beginnt ein stampfender Rhythmus die Klanglandschaft zu dominieren, was die Compagnie zu einer kollektiven Disco-Parodie veranlasst. Mit affektierten Gesichtern schwingen nun alle die Keulen, geben sich supercool und krächzen Liedfetzen von „Sex Machine“ bis „Do You Really Want To Hurt Me“ in die Mikros. Das ist ziemlich putzig, dauert aber viel zu lang. Und wenn diese Passage bedeuten soll, dass die „neurotischen“ Bewegungen sich nicht groß von den gesellschaftlich akzeptierten unterscheiden, ist das doch recht kurz gedacht. Gewürzt wird das Ganze dann mit ein paar Pina-Bausch-Zitaten – auf die 2009 verstorbene Altmeisterin des Tanztheaters bezieht sich ja schon der Titel.

Wie auch immer: Die Begeisterung ist groß, wie so oft bei diesem Festival, deren Leiterin Christiane Winter erneut eine beeindruckende Abschlussbilanz vorlegen kann: Eine Platzausnutzung von gut 93 Prozent und 3 500 Besucher sind schon allerhand.

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