„Im Rausch“: Städtische Galerie Bremen entdeckt die Geschichte ihres Hauses

Saufen, Saufen, Wochenende

Einer geht noch: „Abschied der Junggesellen“ (2015) von Felicitas Blech.
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Einer geht noch: „Abschied der Junggesellen“ (2015) von Felicitas Blech.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Kunst, sagt Kurator Ingmar Lähnemann, könne als Vehikel für den Rausch dienen. Das ist natürlich umgekehrt genauso richtig: Der Rausch dient immer auch als Vehikel für die Kunst. Wenn sich Ursache und Wirkung so umstandslos austauschen lassen, so drängt sich der Verdacht auf, das eine könne mit dem anderen identisch sein. Ist Kunst womöglich nichts weiter als ein einziger Rausch? Und ein Rausch vielleicht immer auch Kunst?

In der Städtischen Galerie Bremen kann der Besucher jetzt tief hineintauchen: in die Kunst und in den Rausch. „Vergärungsprozesse in Kunst und Bier“ lautet der Untertitel zur Schau „Im Rausch“. Der Anlass, wie sollte es bei diesem Thema anders sein, ist ein festlicher: Seit 30 Jahren besteht die Kunstinstitution in der Bremer Neustadt schon. Das ist zwar kein Jubiläum, aber immerhin ein runder Geburtstag und Grund genug, um die diesjährige Jahresausstellung des Bunds Bildender Künstler (BBK) mit der Geschichte des Hauses zu verknüpfen.

Diese nämlich ist ausgesprochen hopfenhaltig. Bis 1917 wurde hier das Bremer Bier „Remmers“ gebraut, wo heute Kunst gezeigt wird, befand sich einst der Gär- und Lagerkeller, ein wahrer Hort des Rauschs also. Um die Ecke befand sich ein Biergarten, und vielleicht darf man sich die Stimmung so vorstellen wie in Felicitas Blechs Gemälde „Saufen! Saufen! Wochenende!“: eine dichte Reihung rundlicher, nackter, tätowierter Männerbäuche, aufgelockert lediglich von einem Glas schon etwas abgestandenen Biers. Man kann den Rausch förmlich hören in dieser kleinen Bauchstudie, das rauhe Grölen, die dreckigen Witze, das unbeholfene Lallen, die ganze Bandbreite des wohlkalkulierten Kontrollverlusts.

Eben darin scheint es sich zu verbergen, das Bindeglied zwischen Rausch und Kunst: in der Sehnsucht des Menschen nach einem Moment der Befreiung von der ständigen Last seines Ichs. Die zivilisatorischen Errungenschaften einfach mal ausschalten, die Selbstdisziplin, den Ordnungssinn, das Verantwortungsbewusstsein. Nicht die Leinwand dem eigenen Willen unterordnen sondern den eigenen Willen der Leinwand.

Mechtild Böger kreiert auf diese Weise aus zufällig wirkenden Farbverläufen seltsam schwebende Figuren. Aus der provozierten Beliebigkeit erwächst eine tänzerische Anmutung. Der Tanz zeigt sich als Ausdruck einer Befreiung des Körpers aus seinen gesellschaftlichen Konventionen.

Ohnehin muss der Tanz wohl als markanteste Schnittstelle zwischen Bewusstseins- und Rauschzustand gelten. Dass ihm in dieser Ausstellung eine hohe Bedeutung beigemessen wird, kann da kaum verwundern. Robert van de Laar etwa projiziert die historische Filmaufnahme eines tanzenden Paars durch einen Propeller hindurch auf die Galeriewand. Der Rausch der Bewegung erscheint gebrochen, aus dem fließenden Prozess wird ein ebenso verschwommenes wie ruckhaftes Unterfangen. Man kennt diese Wahrnehmung aus alkoholischen Rauschzuständen, findet sie hier aber auf interessante Weise definiert als Resultat eines Unvermögens zum Erkennen und Verfolgen zeitlicher Abläufe.

Die Ausstellung versäumt es nicht, das Phänomen des Rauschs auch abseits des Alkohols zu reflektieren. So nimmt sich Christian Holtmann den Produktrausch der Schokoladenindustrie vor, wenn er die unverwechselbaren Schriftzüge von Riegeln wie „Mars“, „Snickers“ und „Bounty“ zum martialischen Versprechen „I kill for you if you want“ zusammenfügt. Und Fotograf Jens Weyers dockt mit seinen unscharfen Schwarzweiß-Aufnahmen nur scheinbar an die Erwartung eines Drogenerfahrungsberichts an. Auf den zweiten Blick erweist sich die verschwommene Szene als Dokumentation eines Tauchgangs von Profisportlern. Um den Rausch der Tiefe zu erleben, gilt es, alle Sinne beisammen zu halten. Totale Konzentration statt kalkulierter Kontrollverlust, auch dieser Widerspruch ist der Lust am Rausch eingeschrieben.

Und doch ist das klassische Verständnis des Rauschs als ein primär drogenbedingtes Phänomen auch in dieser Schau dominierend. Die Städtische Galerie hat eigens den Künstler Conor Gilligan damit beauftragt, im größten Raum eine Bar einzurichten, an der sich die Besucher den Freuden des Biers hingeben dürfen. Und weil die durstigsten weniger beim klassischen Publikum am Buntentorsteinweg als bei der Laufkundschaft auf dem Deich hinter dem Galeriegebäude vermutet werden, hat sich Kurator Lähnemann dazu entschieden, gleich einen zweiten Eingang zu eröffnen. Dort, wo sonst eine graue Hintertür allenfalls als Notausgang dient, macht sich nun direkt an der kleinen Weser ein idyllischer Biergarten breit, der sogar bis zehn Uhr abends geöffnet hat. Es mussten offenbar 30 Jahre ins Land ziehen, ehe jemand auf die Idee kam, der Städtischen Galerie auf diese schlichte Weise ein neues Publikum zu verschaffen.

Ab morgen bis 23. August in der Städtischen Galerie Bremen, Buntentorsteinweg 112. Öffnungszeiten: Di.-So. 16-22 Uhr. Zur Ausstellung gibt es ein reichhaltiges Begleitprogramm mit Performances und Konzerten: www.staedtischegalerie-bremen.de

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