Raus aus dem Schatten

Rudolstadt-Festival in Thüringen bringt Weltmusik auf die große Bühne

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Das Rudolstadt-Festival bringt die Musik auch auf den Marktplatz. Hier bei einem Auftritt der Band „Django Lassi“.

Rudolstadt - Von Jan-Paul Koopmann. Dieses „F“ ist schon wichtig, denn Volksmusik mit „V“ will ja nun aus guten Gründen wirklich keiner hören. Dass allerdings auch der Folk in Deutschland ein Schattendasein fristet, konnte man vergangenes Wochenende wenigstens für ein paar Tage vergessen: beim Rudolstadt-Festival in Thüringen.

Mit seinen inzwischen rund 100 .000 Besuchern ist es das größte deutsche Festival für Folk, Roots und Weltmusik. Und um noch kurz bei den Zahlen zu bleiben: Rund 300 Konzerte geben die Künstler aus 48 Ländern – in 28 Spielstätten, die sich über Innenstadt, Park und die oben auf dem Berg gelegene Heidecksburg verteilen.

Und von wegen Volksmusik: Ein paar Trachten gibt es auch, traditionelle Tänze und Musik. Das sind durchaus ernste Versuche, Kulturgüter zu bewahren, die sonst verloren gingen. Die Musik der San zum Beispiel, die außerhalb der Kalahari (und jetzt Thüringen) kaum jemand kennt. Vier ältere Frauen aus der Volksgruppe haben sich überreden lassen, ihre ersten Reisepässe zu beantragen, nach Europa zu fliegen und in Begleitung der niederländischen Sängerin Shishani ihr traditionelles Liedgut zu präsentieren. Wenn man dann noch weiß, dass eine Viertelstunde früher von der selben Bühne urban angejazzte indische Punjabi-Beats aus New York durch den Heinepark waberte – dann bekommt man eine Idee von der Vielfalt dieses außergewöhnlichen Festivals.

So ist es in diesem Jahr, so ist es eigentlich immer: mal mit, mal ohne die ganz großen Namen. Diesmal ist es Country-Legende Steve Earle, der mit seinem Programm gleich am ersten Abend klarstellt, dass Folklore und kritische politische Haltung bestens miteinander auskommen können.

Allerletzte Zweifel dürfte dann der diesjährige Schwerpunkt „Arbeiterlieder“ beseitigen. Daran ist etwa Ramy Essam beteiligt, der mit seinen politischen Liedern vom Tahrir-Platz in Kairo zum Youtube-Star wurde und als wichtige Stimme des „Arabischen Frühlings“ gilt. Auf der Bühne steht er gemeinsam mit der polnischen Band Hanba, die Lieder aus den 30er-Jahren neu interpretiert und die Wurzeln des Punk in der polnischen Zwischenkriegszeit verortet – gefolgt vom us-amerikanischen Liedermacher und Musikwissenschaftlicher Clark „Bucky“ Halker, der Blues aus der Eisenhower-Zeit spielt.

Auf den Beinen ist Halker bereits am Freitagmorgen, als die meisten Festivalbesucher noch in den Zelten liegen: in der Rudolstädter Bibliothek findet begleitend zum Festival ein Symposium zum Arbeiterlied statt – mehrsprachig für internationale Fachleute mit Simultanübersetzer im Kopfhörer. Ganz ohne die Verklärung der ersten Jahre übrigens, als der Vorläufer des heutigen Festivals noch antrat, den DDR-Sozialismus volkstümlich zu grundieren. Auf dem Symposium geht es dann auch um die sozialen Gruppen, die in den klassischen Kampfliedern keine Stimme haben. Nur weil einer schön von der Ungerechtigkeit der Welt singt, muss noch lange nicht alles richtig sein, was der so findet. Auch wenn das Stelldichein der Wissenschaftler vielleicht nicht der stärkste Publikumsmagnet des Wochenendes ist, gehört er doch zu den interessantesten.

Und wahrscheinlich ist es das auch gerade das, was diese wilde Mixtur aus Zeltplatz-Party, Orchesterkonzert, Punk und Kinderfest zusammenhält: die Lust, auch beim Tanzen mehr über Musik zu lernen, sie zu machen und mit dem Programmheft (oder besser: Programmbuch) unterm Arm wirklich Neues zu entdecken.

Die nächste Ausgabe des Festivals beginnt am 4. Juli 2019, der Kartenverkauf des bis dahin unter Garantie ausgebuchten Festival startet im Dezember. Und wer keine Lust auf den Zeltplatz hat und sich in den Hotels und Herbergen der Stadt einquartieren möchte, der kümmert sich am besten schon jetzt um eine Bleibe.

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