Raum für Livemusik fehlt, aber die Club-Problematik in Bremen schweift ab

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Der Verein Clubverstärker fordert mehr Raum für Livemusik.
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Der Verein Clubverstärker fordert mehr Raum für Livemusik.

Bremen - Von Pascal Faltermann. Ein Fotoprojekt über Gesichter des Viertels, eine herumliegende vergilbte Matratze auf der Straße, Gentrifizierung und der Wandel von Stadtteilen. Die Diskussion um die Club- und Kultur-Problematik in Bremen ist abgeschweift. Anfangs ärgerten sich Kulturschaffende über weniger Konzerte, weniger Raum für Kultur und Musik infolge von Anwohnerbeschwerden. Aber: Es sind nicht nur Clubs im Bremer Viertel betroffen, es geht um das Schaffen von Räumen und Experimentierfeldern in der ganzen Stadt.

In den sozialen Netzwerken schreien die ersten digitalen Stimmen und kritisieren die Inhaltslosigkeit der Diskussion. In der Netz-Debatte wird viel Belangloses in die virtuelle Runde geworfen. Im realen Leben beschäftigen sich aber die treibenden Kräfte – der Verein Clubverstärker und die Initiative Kulturschutzgebiet – mit Inhalten. Deren Vertreter führen Gespräche mit SPD, Grünen oder Bausenator Joachim Lohse (Grüne). Sie schicken Wahlprüfsteine mit Fragen an die Parteien und stellen die Antworten für die Öffentlichkeit online. An Senator Lohse werden am heutigen Freitag Forderungen und Beschreibungen konkreter Problemfälle geschickt. „Das Schützen und Schaffen von Kulturräumen und Orten für Livemusik sind darin ein wichtiger Bestandteil“, so Kulturmanagerin Julia von Wild vom Clubverstärker.

Laut Definition des Verbandes Live Musik Kommission sind Musikspielstätten Orte musikalischer Prägung, die mindestens 24 Live-Acts im Jahr auftreten lassen. Davon gibt es in Bremen immer weniger. Für kurzfristig geplante Konzerte und Nachwuchsbands ist es schwierig, Möglichkeiten zu finden. Darauf wies der Clubverstärker mehrfach hin. Support-Bands können wegen der Uhrzeit-Regelung oft gar nicht spielen – beispielsweise in der Lila Eule.

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Dass dieses Problem nicht nur im Bremer Viertel auftritt, zeigen andere Fälle. Die Schaulust auf dem Gelände des Güterbahnhofs musste dieses Jahr bereits Veranstaltungen absagen, weil es keine Genehmigung gab. Die Elektro-Veranstaltung „Turbulenz“ fiel im Januar und Mai offiziell aus und auch die „La Strada“-Gala kann 2015 dort nicht stattfinden, obwohl sie bisher stets genehmigt wurde. Schaulust-Mitbetreiber Frank Barufke erklärt auf Nachfrage, dass die Erlaubnis an der Bauordnung scheitere. Das Gelände sei durch die Bahnschranke zeitweise abgeriegelt, der Fluchtweg nicht immer frei. Feuerwehr und Rettungsdienst könnten nicht sofort auf das Gelände gelangen. „Die Politik ist auf unserer Seite“, sagt Barufke und hofft auf eine baldige Lösung. Derzeit hänge es an „Tausend Details“, darunter einem Konzept für Fluchtwege oder Sammelpunkten. Die Schaulust veranstaltet selten Live-Konzerte selbst, häufiger hingegen Tanzveranstaltungen mit Live-DJs, wünscht sich aber von externen Veranstaltern, dass Bands hier spielen. The Ex und Anne Clark traten im November dort auf. Gut sei, dass der Flächennutzungsplan für den Güterbahnhof nun als kulturelles Entwicklungsgebiet ausgeschrieben sei und Wirtschaft und Politik kulturelle Projekte finanziell fördern.

Schwer gemacht wird es in der Neustadt dem Gastfeld, das sich am Freitag symbolisch mit einem Konzert an der Veranstaltung „Das Viertel lebt“ beteiligt. Besitzer Marvin Marquard veranstaltet kleine Live-Auftritte, möchte die Aufmerksamkeit aber darauf lenken, dass einzelne Personen nicht nur Hunderten von Menschen ihre Freude an Live-Musik nehmen, sondern ihm verwehren, einen Sommergarten zu eröffnen. Seit August 2013 habe er diesen mit großem finanziellen Aufwand angelegt und eine behördliche Erlaubnis besessen. „Weil aber Anwohner in einem Nachbarhaus meinen, dass ihre Eigentumswohnung an Wert verliert, wurde die Genehmigung wieder entzogen“, so Marquard. Das Überleben für die Kneipe wird nicht einfach. Probleme gibt es in der Neustadt zudem bei Locations wie dem Modernes oder dem Karton. Im Fall des Modernes ist es seit Jahren der Lärm auf den Straßen, der dem Laden zugeordnet wird. Ob der Betreiber Einfluss darauf hat oder nicht, spielt keine Rolle.

In der Alten Schnapsfabrik, die als kreativer Hotspot sogar Förderungen erhielt, ist der Karton beheimatet. Die Betreiber wollen mehr aus der Einrichtung machen als eine Kantine. Ihr größter Wunsch ist derzeit, unbegrenzt Seminare und Workshops zu veranstalten und eine sinnvoll gewählte Anzahl an Kulturveranstaltungen anzubieten. Es hapert aber an fehlenden Parkplätzen oder sich beschwerende Nachbarn.

Deutlich wird, dass es an einer Struktur für eine Förderung von Popularmusik und Kultur in Bremen mangelt. Eine zentrale Vernetzung und einen Ansprechpartner, der weiterhelfen und vermitteln kann, fehlt.

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