Der Bremer Künstler Pio Rahner verwandelt Wohnungen in Kunst

Rauchen und Reden wie auf dem Dorfplatz

Pio Rahner - Foto: Krolczyk

Bremen - Von Radek Krolczyk. Im nächsten Jahr unternimmt der Bremer Künstler Pio Rahner im Rahmen des Projekts „Bremer Kunst Satellit“ eine Reise nach Burkina Faso. Unter diesem Titel schickt die Bremerin Ursula van den Busch seit 2002 Bremer Künstler und Kuratoren ins Ausland. Nach Ägypten oder in die Türkei zum Beispiel. Als Bremer Satelliten realisieren sie dort eine künstlerische Arbeit – und bringen diese wieder zurück nach Bremen, mal in Form einer Ausstellung, mal als Buch oder in einer anderen Form.

Was Pio Rahner in dem afrikanischen Land, genauer: im Operndorf des Künstlers, Film- und Theatermachers Christoph Schlingensief, realisieren will, weiß er noch nicht genau. Aber bis dahin ist ja auch noch etwas Zeit.

Es ist jedenfalls auf eine eigentümliche Weise angemessen, dass mit Pio Rahner ein Bremer Satellit in das afrikanische Land geschickt wird – ein Künstler, dessen Arbeiten zwar in letzter Zeit in Essen und Hamburg, nie jedoch wirklich in Bremen zu sehen waren. Dass die Wahl auf ihn gefallen ist, beweist zum einen die gute Kenntnis der lokalen Kunstszene der Satelliteninitiatorin, zum anderen sollte es den Bremer Ausstellungshäusern einen Impuls geben, in nächster Zukunft Arbeiten von Pio Rahner zu zeigen.

Van den Busch hatte im vergangenen Herbst erstmals eine Ausstellung des vor Kurzem zugezogenen Künstlers im Künstlerhaus Hamburg Bergedorf gesehen. Rahner, der 2015 sein Studium der Fotografie an der Folkwang-Universität in Essen abschloss, zeigte damals unter anderem eine elfteilige Serie recht finsterer Farbfotografien.

Wie Himmelsgestirne: Fonduetopf mit Satelliten. - Foto: Pio Rahner

Zu sehen sind darauf verschiedene Modelle von Fonduetöpfen. Die Winkel der Aufnahmen verschieben sich kontinuierlich bis hin zu 180 Grad. Die Kamera wandert um die Töpfe wie die Erde um die Sonne: „Der Verlauf, der mich interessiert hat, mag an die fotografische Dokumentation eines Mondzyklus oder einer Sonnenfinsternis erinnern“, so Rahner selbst. Die Töpfe werden angestrahlt und reflektieren wie Himmelsgestirne. Man kommt nicht unbedingt auf die Idee, dass es sich bei den fotografierten Objekten um schnöde Haushaltsgegenstände handelt. Zu grafisch wirken sie – und zu erhaben.

Obwohl Pio Rahner Fotografie studierte, spielen Objekte in seinem Werk eine große Rolle. In seiner Diplomausstellung im Essener Sanaa-Kubus zeigte er auch eine Reihe von Räumen, die er aus Holzlatten, Laminat und Holzfaser-Platten konstruiert hat. Sie erinnern an tatsächliche kleinere Räume oder Schränke, teilen mit diesen allerdings nur das Material. Sie selbst bleiben weitestgehend grafische, abstrakte Konstruktionen, sind nicht nutzbar. Seit 2008 hat Rahner Wohnungen, in denen er zuvor gewohnt hat, durch minimale Eingriffe verkleinert und so seinen Vermietern übergeben. So hat er Schrägen zugebaut und Wände vorgezogen – Konstrukte im Realen, vergleichbar mit seinen Lattenmodellen.

Gemeinsam mit den Aufnahmen der Töpfe haben die Kuben ihre Herkunft im „Kosmos der eigenen Küche“, wie Rahner sagt. In einem zu seiner Diplomausstellung erschienenen Heft nennt er die Küche einen „permeablen Raum“, als „Schnittstelle zwischen einem Innen und einem Außen. Zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen“. So sei die Küche „der Ort der Kommunikation und des Austauschs, des Essens, des Trinkens, des Rauchens und des Redens“ und als solcher „analog zu einem Dorfplatz oder einer Kirche“.

Dazu passt, dass Rahner mit seiner Frau, der Theaterschauspielerin und diesjährigen Kurt-Hübner-Preisträgerin Nadine Geyersbach, in der gemeinsamen Wohnung den „Erlkönig“ veranstaltet, bei dem es im Wechsel um bildende und um darstellende Kunst geht.

Vor einem Jahr hatte das Projekt Premiere mit einer Doppelausstellung der Künstler Felix Giegner und Max Santo. Finanzielle Unterstützung dafür kam sogar von der Bremer Kulturbehörde, was auch die Produktion eines Katalogs ermöglichte. Giegner und Santo nutzten die Wohnräume des Paares als Ausstellungsraum, wobei sie keine fertigen Werke mitbrachten, sondern auf der Grundlage dessen, was sie vorfanden, spontan und installativ arbeiteten. Die Wohnung behielt ihren eigentlichen Zweck und wurde nicht zur Galerie umgepflügt. Kunst wurde ins Wohnen integriert und erwuchs aus ihm. So entstand „ein Ort, an dem Kunst und Leben nicht getrennt gedacht wurden, sondern zusammen. Hier wurde gemeinsam gegessen und getrunken, hier wohnte man mit Kindern und hier arbeitete und redete man bis spät in die Nacht“, erinnert sich Tarun Kade, ehemaliger Schauspieldramaturg am Theater Bremen, in seinem Katalogtext.

Die Ausstellung beschreibt Kade folgendermaßen: „So wurde eine bereits vorhandene Vitrine zum Teil der Installation, ebenso wie ein Teil einer Grafikserie aus dem Hausflur. Umgekehrt wurde der Teppich aus dem Wohnzimmer von Santos Großmutter in fotografischer Vergrößerung zum neuen Bodenbelag des Zimmers in Rahners Wohnung. Eine Fotografie der Katze von Santos Großmutter lenkte die Aufmerksamkeit auf die Frage nach der Unterscheidung von Kunst und Lebensraum.“

Die zweite Ausgabe mit dem Schwerpunkt Theater ist in Planung. Anschließend kann sich Pio Rahner seinen Überlegungen für den Satellitentrip ins Operndorf in Burkina Faso widmen.

Weitere Informationen zum Künstler: www.piorahner.de

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