Unterschätzter „Tallest Man on Earth“

Kristian Matsson in Hamburg: Wie ein Rattenfänger mit ADHS

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Der größte Mann der Welt: Kristian Matsson.

Hamburg - Kristian Matsson gibt sich in Hamburg die Ehre – füllte er beim vergangenen Besuch 2012 gerade den Saal der Kampnagel-Fabrik, ist es diesmal immerhin die fast ausverkaufte Laeiszhalle. Den großen Durchbruch hat der Schwede trotz Gigs auf renommierten Festivals wie dem Reeperbahnfestival oder dem Hurricane immer noch nicht geschafft.

Warum? Schwer zu sagen. Vielleicht, weil der 36-Jährige und seine Musik schwer zu fassen sind? Das fängt schon mit dem Künstlernamen an: „The tallest Man on Earth“ – eine ironische Anspielung auf die eigene Körpergröße. In puncto Bühnenpräsenz zählt der Mann mit der kratzigen, leicht nasalen Stimme, die des Öfteren und nicht zu Unrecht zwischen Bob Dylan und Sufjan Stevens verortet wird, aber zu den Großen.

Auch in der ehrwürdigen „Musikhalle“ steht er, abgesehen von einer Armada an Gitarren, mal Banjo oder auch mal Keyboard, allein auf der Bühne. Deren Deko, ebenso reduziert und doch bombastfähig wie sein Soundgewand, mäandert zwischen Palettenästhetik und Altar: Die stelenartigen Holzquader werden Matsson in den folgenden zwei Stunden ins rechte Licht rücken.

Matsson kündigt erstmal viele „Sad Songs“ an. Das wundert nicht, war das Vorgängeralbum „Dark Bird is Home“ 2015, das als sein bisher persönlichstes galt, doch geprägt vom Tod eines engen Familienmitglieds und seiner Scheidung. Der vor einigen Monaten erschienene Nachfolger „I love you. It‘s a Fever Dream“, der sich immer wieder mit dem „im Alleinsein einrichten“ befasst, kommt allerdings viel weniger traurig daher als vermutet. Textlich lässt sich das leider nur vermuten, da die „Mische“ leider nur ein fragmentarisches Verständnis der oft poetischen Texte zulässt.

Bei seiner ausgewogenen Reise durch altes und neues Material agiert der Schwede wie ein Rattenfänger mit ADHS: Still steht er nur, wenn es denn unbedingt sein muss am Mikro, ansonsten tänzelt er, hüpft, wippt, dreht ab und an eine Pirouette oder rüttelt die Zuhörer mit schnellen optischen und akustischen Vorstößen auf, wenn diese es sich auf dem Nostalgie-Teppich gemütlich zu machen drohen. Kein Wunder, dass er schon nach dem zweiten Song nach eigenem Bekunden „schwitzt wie nichts Gutes“.

Die gefälligen Melodien, oft im Folk, zuweilen im Country angesiedelt und unterlegt mit feinstem Fingerpicking – sie werden infrage gestellt: durch rhythmische Verschiebungen, eingeworfenen Disharmonien und einer stimmlichen Ausdrucksbreite, die der körperlichen Performance in nichts nachsteht. Säuseln, Brüllen, Flehen, Predigen: diese Nuancierungen erschließen sich erst live – vielleicht auch das ein Grund, weswegen keins seiner fünf Studioalben zum Kassenschlager wurde. Schade eigentlich, denn Matsson hat viel zu sagen. 

Trotz allem Schalk, der sich etwa in der letzten Zugabe manifestiert, als das Lied „The Winner Takes it all“ der schwedischen Kollegen in die wunderbar mystische Ballade „Kids on the Run“ übergeht. Auch dabei: kein Stillstand, keine pure Nostalgie, sondern Weiterentwicklung – Irritation durch Alteration. Matsson ist ein Künstler, der ernstgenommen werden will und sollte. An diesem Abend erweist ihm Hamburg diese verdiente Ehre. Der Bühnenprofi dankt es: „Ohne Euch würde ich noch in den schwedischen Wäldern Musik machen“; dass er ohnehin schon seit Jahren in den USA lebt – geschenkt. Wer wollte bei einem so grandiosen Gig schon kleinlich sein?

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