Uraufführung am Theater Bremen: „Ännie“ von Thomas Melle

Ratlosigkeit bleibt

Die Macht der Verschwundenen: Auch zwei Jahre nach ihrem mysteriösen Verschwinden, kann Romy (Lisa Guth) ihre Tochter Ännie noch immer nicht loslassen. - Foto: Jörg Landsberg
+
Die Macht der Verschwundenen: Auch zwei Jahre nach ihrem mysteriösen Verschwinden, kann Romy (Lisa Guth) ihre Tochter Ännie noch immer nicht loslassen. 

Bremen - Von Rolf Stein. Thomas Melle, nominiert für den Buchpreis und ein heißer Favorit obendrein, ist auch an den Theatern der Republik kein unbekannter Autor. Nach zwei mehr („Sickster“) oder weniger („3000 Euro“) gelungenen Romanadaptionen brachte das Theater Bremen nun ein eigens für die Bühne geschriebenes Stück von Melle zur Uraufführung. „Ännie“ erzählt an der Oberfläche die Geschichte vom Verschwinden eines Mädchens, Ännie eben, die aber eigentlich Annemarie heißt.

Zwei Jahre ist das nun schon her, und eigentlich ist gar nichts klar. Die einen halten es für sicher, dass sie nicht mehr am Leben ist, andere mutmaßen, dass sie sich zur islamistischen Terroristin radikalisiert hat. Aber niemand weiß etwas. Ja, nicht einmal, wer ihr Vater ist, scheint zwischendurch wirklich gewiss. Weshalb sich um die Leerstelle Ännie herum noch weiter Konflikte gruppieren. Der mutmaßliche Vater beispielsweise hat jahrelang für sein uneheliches Kind Unterhalt bezahlt, was seine Frau, aus gutem Hause kommend, wenig begeistert hingenommen hat. Der andere potenzielle Erzeuger, ein gescheiterter Polizist, mit Ännies Mutter Romy durch ein sporadisches erotisches Verhältnis verbunden, sieht einen Schimmer Lebenssinn am Horizont, als er erfährt, er könne eine Tochter mit Romy haben. Fred macht sich auf die Suche nach Spuren, die immer wieder ins Leere laufen.

Nina Mattenklotz lässt das vor einer großen Wand spielen (Bühne: Johanna Pfau), die eigentlich ein großer Setzkasten ist, der neben allerlei Möbel, Geschirr, Musikinstrumente, Kleidungsstücke, Bildschirme, Waffen und anderen Gegenständen auch Schriftzüge enthält: „Die ganze Welt ist in der Gewalt des Satans“ steht da beispielsweise. Und „Made in China“. Auch arabische Zeichen sind zu sehen. Die für uns so undechiffrierbar bleiben wie die Gründe der abwesenden Hauptfigur, die immerhin noch so viel geheime Macht ausübt, dass nicht nur Eltern und Pflegeeltern um sie kreisen, sondern auch die ehemalige Lehrerin, der Schulhofdealer, eine Wirtin und zwei ehemalige Mitschüler.

Und je mehr wir erfahren über Ännie, desto ungreifbarer wird sie, derweil die Konfliktlinien zwischen alt und jung, prekär und arriviert umso klarer heraustreten. Das Ende bleibt indes offen: Als sich alle versammelt haben, um das Abitur zu feiern, das auch Ännie gemacht hätte, klingelt es an der Tür. Die Versammlung erstarrt. Und das war‘s dann auch.

Mal mit Derrida, mal per Drogenrausch

Das lässt einen durchaus nicht gleichgültig das Theater verlassen. Wobei man sich nicht nur fragt, was uns das über uns erzählt. Undeutlich lässt dieser Abend auch das Verhältnis zwischen dem Text und einer Inszenierung, die gelegentlich so ratlos wirkt wie ihre Figuren. Jene Figuren, die sich dem Rätsel Ännie mal mit Derrida, mal per Drogenrausch im Sinne einer teilnehmenden Beobachtung nähern, sich mal nicht verstehen, mal wohl einfach zu gut. Melles Sprache, die zwischen derbem Realismus, jelineckischem Wortwitz und poetischer Verdichtung zeitweilig von den Personen löst, wirkt nicht immer gut aufgehoben, gerät womöglich aber auch an ihrer eigenen Fracht ins Straucheln.

Dass Gabriele Möller-Lukasz als Französischlehrerin Frau Fassbender hier durchaus zu glänzen weiß und auch der von den Jungen Akteuren ins Spiel geholte Thorge Just als herrlich lässiger Pierre überzeugen kann, während ein so toller Schauspieler wie Alexander Swoboda merkwürdig unentschieden wirkt, macht die Sache nicht einfacher. Der große Wurf, den man sich angesichts des Kalibers von Thomas Melle erhofft haben mag, ist es zumindest nicht geworden. Ein punktuell anregender Abend immerhin schon.

Weitere Aufführungen: Samstag um 20 Uhr, Sonntag um 18.30 Uhr sowie am 11., 16., 21. und 29. Dezember jeweils um 20 Uhr, Theater Bremen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Fotostrecke: Erstes Werder-Training in der Coronavirus-Krise

Fotostrecke: Erstes Werder-Training in der Coronavirus-Krise

Autos, Bier und Zigarren - Wer "Corona" alles im Namen trägt

Autos, Bier und Zigarren - Wer "Corona" alles im Namen trägt

Auto fahren in Corona-Zeiten

Auto fahren in Corona-Zeiten

So motzen Sie Ihr Fahrrad auf

So motzen Sie Ihr Fahrrad auf

Meistgelesene Artikel

Theaterabend vor dem Computer: Online beim dritten Gong

Theaterabend vor dem Computer: Online beim dritten Gong

Antenne Bayern und Bayern 3 verlieren zahlreiche Hörer - anderer BR-Sender gewinnt

Antenne Bayern und Bayern 3 verlieren zahlreiche Hörer - anderer BR-Sender gewinnt

Yung Kafa und Kücük Efendi: Die neuen Sterne am deutschen Rap-Kosmos - So gut ist ihr Mixtape „Dickicht“

Yung Kafa und Kücük Efendi: Die neuen Sterne am deutschen Rap-Kosmos - So gut ist ihr Mixtape „Dickicht“

Kommentare