Ein afro-deutsches Schauspielensemble leidet in der Bremer Concordia an seiner „bittersüßen Heimat“

Rassismus braucht keinen Baseballschläger

„Deutsch? Und farbig?“: Eine Weiße (Lara-Sophie Milagro, r.) staunt über die Welt (mit Vanessa Rottenburg, l.).

Von Johannes BruggaierBREMEN · Rassismus, sagen Betroffene, ist zum Beispiel, wenn einen wildfremde Leute nach der persönlichen Herkunft fragen. Da fragt man sich doch: Wo kommen wir da hin?

Geht das im Nordwesten Deutschlands nicht jedem so, dessen Nachname auch nur ansatzweise nach Bayern oder Österreich klingt? Und ist das so schlimm? Das möge zwar zutreffen, so lautet dann oft die Erwiderung. Aber wer nicht selbst Rassismus erfährt, der könne den Unterschied eben nicht verstehen.

Rassismus selbst erfahren: Wenn überhaupt, lässt sich das wohl allein mit theatralen Mitteln organisieren. Das afro-deutsche Schauspielensemble „Label Noir“ hat sich dieser Aufgabe angenommen. Sein Stück heißt „Heimat, bittersüße Heimat“ und ist dieser Tage in der Bremer Concordia zu erleben. Wer es sieht, wird nach dem Unterschied nicht mehr fragen, wird endlich verstehen, was wirklich gemeint ist, wenn von Rassismus die Rede ist, und wird womöglich erschrecken: vor der Erkenntnis seiner eigenen Vorurteile.

Denn es ist ja nicht der Neonazi mit Baseballschläger, der seiner schwarzen Mitbürgerin auf der Parkbank Gesellschaft leistet. Nein: Es ist die rüstige Rentnerin mit Einkaufstasche, erfreut von dem exotischen Anblick. „Excuse me“, sagt sie und deutet auf den freien Platz. „Excuse me, is it… äh, is it free?“ Dann streckt sie den Finger gen Himmel: „Nice weather today. Äh…: sun!“ Das ist alles nett gemeint, erweist sich aber bald als überflüssig. Denn die vermeintliche Fremde auf der Bank spricht fließend Deutsch, was ihre neue Nachbarin nun erst recht toll findet. So eine schwere Sprache! Und dann so gut gelernt! Gar nicht gelernt, sagt die Fremde genervt: „Ich bin deutsch.“ Was dem Fass nun vollends den Boden ausschlägt. Deutsch? Und farbig? Beides zusammen?

Wieder die Parkbank, nächster Besuch: ein Hippiemädchen diesmal, total tolerant und locker drauf. Eigentlich wollte sie sich bloß auf die Wiese setzen und mit ihrem Walkman afrikanische Musik hören. Aber dann setzt sich doch tatsächlich eine Schwarze auf die Bank. So eine richtig coole Schwarze, die voll locker ist, nicht so verklemmt wie wir Deutsche! „Wow!“, juchzt das Mädchen und zeigt auf ein Schmuckstück am Arm der Fremden: „Lass mich raten: Das ist aus Afrika!“ Nein, erwidert die Andere trocken. „Das ist Chanel.“

Es sind nicht die Fragen, die diskriminieren, auch nicht die Bemerkungen. Es ist vielmehr die ihnen zugrunde liegende Motivation: der beständige Drang, schwarzen Gesprächspartnern ein „Herzlich willkommen“ entgegenschleudern zu müssen, ihnen zu versichern, dass man sie richtig gern hat – in jedem Fall sich irgendwie besonders zu verhalten. Sich diesem Drang zu entziehen, seien wir ehrlich, stellt tatsächlich eine Herausforderung dar. Denn es ist ja eine komplexe Mischung aus mehr oder weniger rationalen Aspekten, die diese Künstlichkeit hervorruft: historisches Bewusstsein zum Beispiel, das schlechte Gewissen, aber auch die menschliche Angewohnheit, optische Eindrücke sofort einem Deutungsprozess zu unterwerfen. Im Scheitern an dieser Herausforderung liegt die Tragik des Alltags, und vielleicht lässt sich die offen rechtsextreme Variante des Rassismus auch als feige Flucht aus dieser Tragik verstehen.

„Label Noir“ befördert das Scheitern mit wütender Ironie ans Tageslicht. Es ist eine in ihrem bitteren Witz grandiose Performance, eine zutiefst ernste und zugleich knallig humorige Show – in der ersten Hälfte. Danach begibt sich Regisseurin Lara-Sophie Milagro hinein in die tragische Komplexität des Rassismus-Problems, will sie erklären statt beschreiben. Der Versuch, persönliche Liebe in ein Verhältnis zur Vaterlandsliebe treten zu lassen, gerät zusehends diffus: Das Anliegen ist verständlich, der Stoff aber zu groß.

Am finster-heiteren Erkenntnisgewinn mit darstellerisch vielfach überzeugenden Leistungen ändert das nichts mehr. Der nächste Spaziergang im Park fällt anders aus.

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